Oxford Health

Der folgende Artikel erschien als Teil von Cory Hamasakis Y2K Weather Report Nr. 113. Diesen Report findet man in Gänze und im englischen Original z.B. unter http://www.sonnet.co.uk/muse/DCW-113.TXT. Hamasaki habe ich am 19. Juni 1998 vorgestellt.

Der Artikel beleuchtet einen wichtigen Aspekt der ganzen Jahr-2000-Problematik, der im Moment weitgehend durch die Sorge um kurzfristig auftretende Probleme am 1.1.2000 überdeckt wird, aber meiner Meinung nach zur grössten Gefahr überhaupt werden könnte.

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Oxford Health

Was passieren wird:

Ich war auf der Suche nach einem konkreten Beispiel, das klarmacht, warum SHMUEL, InfoMagic, Bill Hoyt, Ed Yourdon, Steve Heller und andere sich Sorgen machen wegen Y2K. An der letzten Versammlung von "WDC Y2K" sprachen Vertreter von mehreren Anwaltsfirmen, und einer davon erwähnte ein exzellentes Beispiel.

Einige Hintergrund-Informationen: Ich habe über die Situation von "PhyCor", "Physician's Corporation", geschrieben, einer Firma aus Tennessee, die Verwaltungs- und Buchhaltungs-Arbeiten erledigt. Sie wurde in meiner Region tätig und hat einigen Aerzten ihr Dienstleistungs-Paket verkauft.

Fairerweise muss man sagen, dass dieses Konzept einige Vorzüge aufweist: das eigene Büro auflösen, die Möbel zu Geld machen, und jemand anderen den ganzen Papierkram erledigen lassen, den es braucht für die Versicherungen, die Krankenkassen usw.

Wenn alles funktioniert, funktioniert es gut.

Aber im Falle von "PhyCor" ging etwas furchtbar schief, und eine Liquiditätskrise brach aus unter den Aerzten in Maryland. Aerzte mussten ihre Praxis schliessen und Angestellte entlassen. Nicht mein Problem, nicht Ihr Problem, und auch keine Sache auf Leben und Tod; ausser Sie bemerken eine Geschwulst, wo vorher keine war. Kein Problem, ausser es war Ihr eigener Hausarzt, der seine Praxis zugemacht hat, und Sie es zulassen, dass sich die Geschwulst ein paar Extra-Monate entwickelt.

Wer will schon zu einem fremden Arzt gehen und ihn herumdrücken lassen an speziellen Körperteilen, den Teilen, die sowohl Nutzwert wie Unterhaltungswert haben? Warten Sie zu lange, könnten Sie am Ende von Metastasen hören, und müssten sich das Schluchzen Ihrer Familie anhören. Aber das ist die "PhyCor"-Geschichte.

Die Anwälte sprachen über "Oxford Health". Ich ging der Sache nach, hier ist die Geschichte. "Oxford" war eine hochfliegende Krankenkasse, scharfes Marketing, fand heraus, wie man mit Aerzten und Firmen zusammenarbeiten muss, die ihren Mitarbeitern eine gute Gesundheits-Versicherung anbieten wollen. Der Aktienkurs von "Oxford" ging in die Höhe wie eine Rakete.

Etwas ging furchtbar schief.

Gemäss den Anwälten und den Zeitungsartikeln versuchte "Oxford" einen fliegenden Wechsel des Datenbank-Systems bei weiterlaufendem Geschäftsbetrieb. Es sind nur wenige technische Details bekanntgeworden, aber sie hatten Software-Probleme ein ganzes Jahr lang, mit Dingen wie verlorengehenden Buchungen, nicht gestellten Rechnungen, nicht erfolgenden Zahlungen an Aerzten nach erbrachter Leistung, und anderen Buchhaltungs-Fehlern.

Einige unbelehrbare Nein-Sager behaupten gerne, dass jedes System repariert werden kann, sagen wir mal, in so etwa 3 Stunden, vielleicht auch einem halben Tag, wenn's hochkommt. "Oxford" dokterte ein Jahr lang daran herum. Es sieht sogar so aus, dass es lange Perioden gab, Wochen oder Monate, wo man bei "Oxford" glaubte, die Systeme funktionierten, obwohl das nicht so war.

Schadenersatzklagen, Konkurse, Leute, die in Zitronen beissen, um anderen eine Grimasse schneiden zu können. Der Aktienkurs von "Oxford" brach zusammen, Arbeitsplätze gingen verloren, und irgendwo in diesem Durcheinander gab es sicher mindestens eine Person, die sich sagte, ja also wegen dieser Geschwulst in meinem speziellen Körperteil, da warte ich doch lieber mit einem Untersuch, bis die Sache mit der Gesundheits-Versicherung wieder in Ordnung ist.

Sagen Sie zu sich selbst, lesen Sie es laut vor, wenn es nötig ist: Alles andere funktionierte; Strom war da, die Telefone liefen, es gab Benzin; keine Programmierer-Krise, und doch war die Informatik-Abteilung von "Oxford" gelähmt für ein Jahr.

Bitte, unbelehrbare Dummköpfe, argumentiert nicht mit mir. Sagt den Leuten, die Geld verloren haben, die ohne Versicherungs-Schutz waren, die keine Arbeit mehr haben, und vielleicht sogar einen geliebten Menschen verlieren mussten, dass das Problem der "Oxford"-Versicherung nur ein Gerücht war, ein Trick von Beratern, um das grosse Geld zu verdienen. Liefert uns bitte den Beweis, dass "Oxford" diese Probleme gar nicht hatte, bemüht eure grossen Gehirne, dafür sind sie da, schiesst, schiesst auf den Cola-Automaten mit Euren Gehirnen.

Solange Ihr das nicht könnt: Setzen. Maul halten.

Fahren wir weiter.

Die Probleme bei "PhyCor" und "Oxford" sind keine Jahr-2000-Probleme. Diese Beispiele sind Illustrationen, was in den nächsten paar Jahren passieren wird. Das Verheimlichen wird weitergehen, wie es bei "Oxford" der Fall war. Die Marketing-Abteilungen werden die Informationen verdrehen. Sie werden die Wahrheit vertuschen, bis es einfach nicht mehr länger geht.

Betreffend Vertuschen bei "Oxford", oder vielleicht auch nur die Unwissenheit des Managements: Doch, die Verantwortlichen hatten einen Verdacht, sie hörten Gerüchte, aber sie glaubten ihnen nicht, wie konnten sie je über das wahre Ausmass Bescheid wissen. Was es auch war, es zog sich über ein Jahr lang hin. Das war 1996 und 1997.

Wenn dieses "Oxford"-Muster sich bewahrheitet, werden alle die "Jo Anne"-Probleme gegen Ende 1999 publik. Wenn das Muster sich als typisch herausstellt, werden Ausfälle in den Informatikabteilungen einen grossen Prozentsatz der Grossfirmen zu Fall bringen.

Was bedeutet das konkret für Sie?

Es bedeutet, dass die Grossfirmen Ihnen kommen werden wie "PhyCor" oder "Oxford", gegen Ende 1999 und sicher im Jahr 2000. Ergreifen Sie Vorsichtsmassnahmen, bereiten Sie sich vor, erstellen Sie einen "Plan B" und einen "Plan C".

Referenzen:

Computer Ills trigger Health Plan Losses
(Computerprobleme verursachen Verluste bei Gesundheits-Versicherung)
"Computerworld", 3. November 1997:
"Der Börsenkurs fiel um 62% an einem einzigen Tag. Letzten April wurde behauptet, fast alle Probleme seien gelöst. Im November gab es immer noch Probleme."

Can Oxford Heal itself
(Kann "Oxford" sich selbst heilen?)
"Fortune", 19. Dezember 1997, mit einer Rekapitulation der Informatik-Katastrophe:
"Mit jedem vergehenden Monat wurde es für "Oxford" schwieriger und schwieriger, die gravierenden Probleme zu leugnen."

Falling Down
(Absturz)
"Money", 1. März 1998, anlässlich des Zusammenbruchs des Aktienkurses:
" "Oxford" gab zu, dass fortgesetzte Computer-Probleme am Auftürmen von Rechnungen schuld waren."

Spotlight on Failures (notorious IT disasters)
(Fehlschläge im Rampenlicht - berühmte Informatik-Katastrophen)
"PC Week", 10. August 1998, mit technischen Details:
"Als das System im September 1996 online ging, war es schnell mit Buchhaltungs-Daten überfordert."

Oxford Mends its Health by Passing the Buck
("Oxford" macht sich gesund, indem sie das Problem auf andere schiebt)
"Business Week", 16. November 1998: Die Finanzen bei "Oxford" stehen wieder besser, weil die Firma die Probleme auf die Aerzte abzuwälzen versucht:
"Gerichtsverhandlungen von 500 New Yorker Aerzten, die versuchen, ihr Geld zurückzubekommen, stehen zur Entscheidung an."

Ihr unbelehrbaren Nein-Sager da draussen, argumentiert nicht mit mir. Sagt den 500 New Yorker Aerzten, dass Informatik-Probleme in ein paar Stunden zu beheben sind, dass alles nur Gerüchte sind, dass Computer keine Menschen zu töten vermögen. Oh, und wenn Ihr argumentieren wollt, dass ein reicher Arzt den Verlust verkraften kann, sagt dies seinen Angestellten, denn einige von Ihnen wurden entlassen, andere zu spät bezahlt.

Diese Art von Fehlschlägen betrifft jedermann.

Vertuschungs-Aktionen, hochfliegende Aktienkurse, das Abschieben von Konsequenzen auf Kunden und Geschäftspartner, Informatik-Ausfälle, Kurseinbruch, "Bozo der Qualitäts-Sicherungs-Clown", der Korrekturen ins Produktions-System hineinknallt und dabei heftig mit den Armen rudert wie ein Schimpanse. Es wird in Kürze wieder passieren, und diesmal wird es uns alle betreffen.

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