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Der folgende Artikel stammt von David Eddy, einem alten Hasen im Jahr-2000-Geschäft. Schon seit Ende 1994 versucht er, Problembewusstsein zu schaffen. Man sagt, dass er es war, der den Begriff "Y2K" populär machte. Den englischen Original-Artikel findet man unter http://y2ktimebomb.com/Techcorner/DE/de9915.htm.
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Legen Sie diesen Aufsatz ins Archiv ab unter "Lügen mit Zahlen", "Die Kunst des Selbstbetrugs" und "Stell mir keine Fragen, dann lüge ich Dich auch nicht an." Ich werde zunehmend bedrückter, weil mehr und mehr Reports von Firmen und Regierungen gleichermassen berichten, dass die Jahr-2000-Projekte gute Fortschritte machen, basierend auf ihrer Behauptung - und es ist nur eine Behauptung - dass 65% ihrer "mission-critical"-Systeme bereit seien und dass 90% oder mehr bereit sein werden im Juli 1999. Sie scheinen auch ihre Vorliebe zum Verpassen von Deadlines vergessen zu haben. Ich für mich kann nicht bestimmen, ob es sich bei diesen Reports um bewusste Lügen handelt, oder um absichtliche positive Propaganda, um die Wahrheit zu verstecken, oder lediglich um bürokratische Dummheit. Treffen Sie Ihre Wahl. Ich persönlich votiere für bürokratische Dummheit. Ich finde gleich mehrere Dinge, die mit diesen anscheinend rosigen Reports nicht stimmen. Zum ersten werden nirgendwo irgendwelche Hintergrundinformationen oder Belege darüber mitgeliefert, was sie wirklich meinen. Was ist gemeint mit "bereit"? Die Programmierarbeiten abgeschlossen? Komplett getestest und erfolgreich wieder in Betrieb genommen? Nirgendwo gibt es eine Diskussion über "mission-critical". Ich habe Aussagen gesehen, dass das Lotterie-System eines bestimmten Bundesstaates ok sei, während die Ueberarbeitung der Systeme der Sozialfürsorge noch bevorstehe. Alleine die Tatsache, dass ein Bundesstaat öffentlich und sogar mit Stolz bekanntgibt, dass er eine solche Fehlgewichtung von Prioritäten bezüglich Arbeit und Mittel zugelassen hat, ist erschreckend. Behauptungen mit Hilfe von Prozentzahlen "erledigt" ist einfach nur Unsinn. Dies ist das klassische Spiel, zu lernen, wie man in der Oeffentlichkeit lügt. Wenn Sie lügen müssen, dann erzählen Sie eine grosse Lüge. Auf diese Weise verführen Sie Ihr Publikum zum Mitgehen. Wer ist der grössere Trottel? Ich, der ich die Lüge erzähle, oder Sie, weil Sie sie glauben? In beiden Fällen kommen die Beteiligten ohne Gesichtsverlust davon, und sie gehen auseinander mit dem komfortablen Gefühl einer erfolgreichen Farce. Unglücklicherweise wird uns diese allzumenschliche Angewohnheit bei Jahr-2000-Anstrengungen einen grossen Schaden zufügen. Die kalten, harten Fakten bezüglich Messen von Y2K-Projekt-Fortschritt mit Hilfe von Prozenten sind so: Man kann Systeme nicht addieren wie man Schachteln mit Bonbons aufeinanderstapelt im einem Supermarkt. Ein System umfasst vielleicht 10 Millionen Programm-Zeilen ("lines of code", abgekürzt "LoC"), während ein anderes 50'000 LoC hat, oder schlimmer noch, aus einer Gruppe von Spreadsheets besteht, die man ganz einfach nicht mit Hilfe von Anzahl Zeilen zählen kann. Auch wenn die Schätzung ziemlich nahe liegt, dass die 10 Millionen LoC aufwendiger zu reparieren sind als die 50'000 LoC, ist es nicht notwendigerweise so. Vielleicht kann man die ganzen 10 Millionen LoC durch eine Standard-Software ersetzen. Vielleicht ist das 50'000-LoC-System in einer besonders obskuren Programmiersprache wie etwa APL geschrieben, fast unmöglich von jemand anderem zu reparieren als dem ursprünglichen Autor, aber unverzichtbar für irgendwelche mysteriösen Risiko-Abschätzungs-Berechnungen für einen Aktien-Fonds. Und wir haben noch nicht einmal die ganz reale Möglichkeit in Betracht gezogen, dass die Daten dieser beiden Systeme gegenseitig voneinander abhängig sind. In der realen Welt kommt es oft vor, dass ein System A Daten an ein System B übermittelt und daraufhin B Daten zurück an A. Was bei diesem System der Messung von Y2K-Fortschritt mit Hilfe von Prozenten passiert, ist das folgende: Die verschiedenen Abteilungen in einer Organisation behaupten, sie hätten eine bestimmte Anzahl X Systeme. Diese Systeme - unabhängig von Grösse, Komplexität, Reparatur-Kosten, oder tatsächlicher Bedeutung für das Funktionieren der Organisation als Ganzem - werden danach einfach zusammengezählt. Marketing hat 10 Systeme; Forschung und Entwicklung hat 5 Systeme; Produktion hat 15 Systeme, usw. Diese Zahlen werden mit Hilfe von Spreadsheets verwaltet und die stets im Mittelpunkt stehenden Prozentzahlen mitgeteilt und überwacht. Dies ermöglicht den Verantwortlichen, sich vorzumachen, sie würden die Situation bis auf die dritte Kommastelle genau überwachen. Das mag funktionieren, um Marktanteile bei Kartoffelchips zu verfolgen, klappt aber überhaupt nicht bei Software. Das ultimative Beispiel solchen Wahnsinns ist das Vorgehen der Luftwaffe, den B-2-Bomber gnädig als 1 System zu zählen und die F-16 als 82 Systeme. Rechnen wir kurz ... B-2 reparieren, und wir sind zu 1.2% fertig, F-16 reparieren, und wir sind zu 98.8% fertig. Bin ich der einzige Mensch, der denkt, dass diese Sorte Mathematik Quatsch ist? Ein sehr gutes Zeichen hingegen ist die Tatsache, dass einige Reporter beginnen, sich dieser Lügen-mit-Zahlen-Farce anzunehmen. Es gab da kürzlich eine hübsche kleine Reportage von James Walker in den ABC-TV-Abend-Nachrichten. Berichtet wurde, wie die FAA etwa 2.6 Milliarden - richtig gelesen, Milliarden - Dollars in den Upgrade ihres zentralen Luftverkehrs-Ueberwachungs-Systems gepumpt hat. Und, so eine Ueberraschung, ein Test hat kürzlich ergeben, dass das neue System 3.5 mal langsamer ist als das bestehende 20-jährige System. Jawohl, die neuen Monitore sind quadratisch und in Farbe, aber nein, weder überwachen sie mehr Flugzeuge noch arbeiten sie so schnell wie die alten. Aber seien wir hier doch nicht so pingelig mit Details. Es war schliesslich nur ein Test. Zur selben Zeit gibt die FAA öffentlich bekannt, dass ihre Systeme zwar die Deadline vom 31. März 1999 verpasst haben, aber trotzdem Mitte 1999 für das Jahr 2000 bereit sein werden. (Bitte beachten Sie, dass es nicht meine Absicht ist, gezielt die FAA zu attackieren. Es ist nur so, dass ihr öffentlicher fragwürdiger Umgang mit den komplexen Themen Projekt-Definition und Projekt-Management auf schmerzliche Weise repräsentativ ist für die Probleme der meisten anderen Organisationen, sowohl von Regierungsbehörden wie auch von an der Börse gehandelten Firmen.) Die 2.6 den Bach runtergegangen Milliarden Dollar sind eine historische Tatsache. Das Einhalten der zukünftigen Jahr-2000-Deadline ist eine politische Hypothese. Diese Umstände addieren sich in meiner Rechnung einfach nicht zu einem glücklichen Endresultat. |
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