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Archiv der Woche 31 (27. Juli bis 31. Juli 1998)
Hier finden sich folgende Tages-Einträge:
| Freitag, 31. Juli 1998 | Das Dümmste |
| Donnerstag, 30. Juli 1998 | Jahr-2000-Test in der Wall Street |
| Mittwoch, 29. Juli 1998 | Gegen-Verschwörung |
| Dienstag, 28. Juli 1998 | Umfrage der Cap Gemini America |
| Montag, 27. Juli 1998 | Die Mainframes der FAA |
| Freitag, 31. Juli 1998 | Das Dümmste | Vortag |
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Zum Wochenabschluss ein kleines Kuriosum: Am 12. Juni hatte ich über den Charles Babbage Award berichtet, eine Auszeichnung erfunden für Leute, die sich in besonders negativer Weise um das Jahr-2000-Problem "verdient machen". Bill Clinton war damals Preisträger. Es gibt jetzt etwas Neues mit einer ähnlichen Ausrichtung: http://www.duh-2000.com Der monatliche Wettkampf für die dümmste Aussage über das Jahr-2000-Problem Eine der beiden Aussagen, die diese Wochen das Rennen gemacht haben, stammt von einem Talkmaster der CNN-Show "Crossfire", anlässlich einer Diskussion über das Jahr-2000-Problem: Ich sage Ihnen einmal etwas. Ich mache diese Show jetzt schon zweieinhalb Jahre, und wir haben jeden Tag pünktlich begonnen. Wenn es eine Deadline gibt, scheint mir, wird sie auch eingehalten. Dieses weise Wort und ähnliche, die Anwärter sind für das Dümmste der nächsten Woche, lassen doch gleich die ganze Problematik in einem völlig neuen Licht erscheinen. Schauen Sie mal rein in www.duh-2000.com! Jetzt muss ich noch etwas loswerden, das ich im Usenet gelesen habe. Der amerikanischen "Mister 2000" John Koskinen (siehe 29. Juni) hat sich wohl überlegt, wie er sein Vertrauen in die Bemühungen der Bundesbehörden punkto Jahr 2000 demonstrieren kann. Vor der Hintergrund der grossen Schwierigkeiten der amerikanischen Luftfahrtüberwachung, jahr-2000-fähig zu werden, wird er nicht müde, in Interviews zu versichern, dass er am 1.1.2000 selbstverständlich fliegen werde. Dies hat jemand in comp.software.year-2000 zu folgendem Kommentar veranlasst: "Tja, das ist sicher völlig ungefährlich - mit nur einem einzigen Flugzeug in der Luft!" |
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| Donnerstag, 30. Juli 1998 | Jahr-2000-Test in der Wall Street | Vortag |
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Seit etwa einem Monat laufen in der Wall Street Tests punkto Jahr-2000-Fähigkeit von Computern und Programmen in der Börsen-Branche. Dieser Test wurde in den USA mit grosser Spannung verfolgt. Die Wall Street ist schliesslich so etwas wie das Nervenzentrum der amerikanischen Wirtschaft, und es interessiert, was dort punkto Jahr 2000 geschieht. Die Tests waren auch bemerkenswert, weil sie nicht nur eine einzelne Börsenhandels-Firma, sondern eine ganze Gruppe umfassten. Als letzte Woche erste Resultate vorlagen, gab es folgende Schlagzeilen in der amerikanischen Presse: Y2K No Pothole for Wall Street The Oregonian Cheering Result from Wall Street Millennium Test
The Financial Post Wall Street Launches Biggest Test for Year 2000 Bugs
Associated Press Wall Street Not Bugged By Y2K
New York Daily News Wall St. 1, Bug 00
Arizona Daily Star Test Pushes Wall Street's Computers Into 2000 Without Mishaps
The New York Times Haben wir also endlich wieder einmal eine gute Nachricht punkto Jahr 2000? Gibt es jetzt eine Branche, die bereits jahr-2000-fähig ist, noch eine wichtige dazu? Die Antwort: Jein. Es stimmt zwar: Bei diesen Test wurden die gesteckten Ziele erreicht. Fehler oder sogar Computer-Abstürze sind keine aufgetreten. Die simulierten Aktien-Käufe und -Verkäufe an Tagen wie dem 31. Dezember 1999 oder dem 3. Januar 2000 wurden erfolgreich abgewickelt. Aber die Presse scheint leider nicht ganz mitbekommen zu haben, was hier eigentlich durchgeführt wurde. Die ganze Uebung stand unter der Leitung der SIA ("Securities Industry Association"), dem Verband der Börsenhandels-Firmen. In einer Presse-Mitteilung der SIA selbst kann man ziemlich unmissverständlich nachlesen, worum es ging: 29 Börsenhandels-Firmen ... werden an einer Hauptprobe des Tests der Branche punkto Jahr-2000-Fähigkeit teilnehmen. ... Dank dieses Probelaufs werden wir die Test-Scripts verfeinern können, bevor der branchenweite Test Anfang 1999 startet. Die Original-Presse-Mitteilung finden Sie auf der Website der SIA unter http://www.sia.com/html/pr727.html . Getestet wurde, ob man den eigentlichen Test Anfang 1999 so durchführen kann wie vorgesehen. Es handelte sich sozusagen um den Test des Tests! Hier wurde mit 29 Pionieren einmal durchgespielt, was man mit Hunderten von Firmen durchführen will in einem halben Jahr. Nett und erfreulich, aber ganz sicher kein Anlass, darüber so zu jubeln, wie es die amerikanische Presse tat, und schon gar keiner, den Sieg der Branche über das Jahr-2000-Problem zu verkünden. Wenn Sie hier lediglich einen Anfall von gewohnheitsmässigem Pessimismus meinerseits vermuten, lesen Sie die Presse-Mitteilung. (Das wichtige Stichwort im ersten Satz ist dress rehearsal, was eben übersetzt Hauptprobe heisst.) Und ich stehe mit meiner Beurteilung nicht alleine da; siehe z.B. den Artikel http://y2ktimebomb.com/Tip/Lord/lord9830.htm , der mir den Anstoss für den heutigen Tagebucheintrag gab und wo ich die obigen Schlagzeilen "stibitzt" habe. Aber es läuft ja alles so super und wie geschmiert an der Börse, der Dow Jones jagt von einem Rekord zum nächsten, da wäre alles andere ausser Jubel-Meldungen sowieso deplaziert. |
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| Mittwoch, 29. Juli 1998 | Gegen-Verschwörung | Vortag |
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Stellen Sie sich vor, Sie bekleiden ein hohes Amt in der Exekutive eines Landes. Ministerpräsident z.B. wäre nicht schlecht, Wirtschaftsminister geht auch. Sie wissen schon seit längerem, dass es da etwas namens "Jahr-2000-Problem" gibt. Sie haben ihm allerdings bisher nicht allzu viel Beachtung geschenkt, denn Sie sahen bisher keinen Anlass dazu. Nun jedoch liegt ein Bericht einer Experten-Kommission vor, aus dem Sie entnehmen können, dass es nicht gut steht. In den Regierungs-Behörden, in der Privatindustrie, überall hat man offensichtlich grosse Schwierigkeiten, das Problem in den Griff zu bekommen. Das alleine ginge ja noch. Schlimm für Sie ist der Schluss der Experten, dass Ihre Regierung bereits vor etwa einem Jahr energische Schritte zur Bewältigung des Problems hätte unternehmen müssen, damals nämlich, als Sie zum ersten Mal einen warnenden Bericht von diesen Experten erhalten hatten. Jetzt sei es dafür eigentlich schon zu spät, steht im aktuellen Bericht. Sie erinnern sich wieder an den ersten Bericht und daran, wie Sie diesen damals nicht ernst genommen haben. Sie stellen sich vor, wie es wohl sein wird, an die Oeffentlichkeit zu treten und zugeben zu müssen, dass schlimme Zeiten bevorstehen, die zu verhindern gewesen wären, wenn Sie vor einem Jahr das Richtige getan hätten. Sie beschliessen, dass Sie sich das ersparen. Mit meinem Gedankenspiel "Stellen Sie sich vor" möchte ich nicht konkret bestimmte Politiker beschuldigen. Ich habe keine handfesten Hinweise darauf, dass irgendein hochrangiger Politiker bewusst das wahre Ausmass des Jahr-2000-Problems und die damit zusammenhängenden Versäumnisse seiner Regierung vertuscht, um sich nicht den Zorn der Oeffentlichkeit zuzuziehen. Ich möchte aber einen deutlichen Gegenpunkt setzen zu gewissen Theorien, die das Jahr-2000-Problem als eine Art Verschwörung darstellen, eine Verschwörung angezettelt durch Berater und Informatiker, die an der Angst der Leute vor dem Problem kräftig verdienen wollen. (Hierzu siehe auch 6. Juli.) Zugegeben, es gibt viele Leute, denen es nützen würde, das Problem grösser und schlimmer darzustellen, als es ist. Und ich will auch nicht abstreiten, dass gewiss einige davon der Versuchung nicht widerstehen können und tatsächlich damit beschäftigt sind, den Leuten Angst zu machen. Gegen fürstliche Bezahlung helfen sie anschliessend ihren Kunden, die Angst wieder loszuwerden. Aber: Es gibt umgekehrt ebenfalls viele Leute, denen es nützen würde, das Problem klein und ungefährlich darzustellen. Und auch hier wird es so sein wie in meinem Gedankenspiel, dass viele der Versuchung erliegen werden. Don't worry, be happy, ich verrate jetzt noch niemandem, dass ich mitschuldig bin, weil ich nicht rechtzeitig Alarm geschlagen habe, werde mich aber rechtzeitig absetzen... Die Versuche, das Problem aufzubauschen, und diejenigen, es zu verharmlosen, gehen meiner Meinung nach munter durcheinander. Wen wundert's da noch, dass es so schwierig ist, ein klares Bild des Jahr-2000-Problems zu bekommen! |
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| Dienstag, 28. Juli 1998 | Umfrage der Cap Gemini America | Vortag |
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Cap Gemini America, http://www.usa.capgemini.com , einer der grössten Firmen für Informatik-Dienstleistungen aller Art, hat letzte Woche die Resultate ihrer aktuellsten Jahr-2000-Umfrage veröffentlicht. Bemerkenswert an dieser Umfrage sind nicht die schlechten Resultate; wenn ich nur darauf aus wäre, könnte ich Ihnen hier fast jede Woche eine Umfrage präsentieren. Nein, das Interessante ist, dass Cap Gemini bereits letzten Dezember und dann wieder letzen April eine direkt vergleichbare Umfrage durchgeführt hat. Es ist dieser Vergleich, der wirklich explosive Resultate bringt. Von allen befragten über hundert Gross-Firmen in den USA gaben letzten Dezember 82% an, die Kosten für ihre Jahr-2000-Projekte unterschätzt zu haben. Diese Zahl ist schlimm genug für sich alleine genommen, aber wie gesagt ist der Vergleich mit der aktuellsten Umfrage noch schlimmer: Mittlerweile geben 87% aller Firmen an, die Kosten unterschätzt zu haben! Es ist üblich, bei einem grosses Projekt wie einer Jahr-2000-Umstellung mit sogenannten "milestones" zu arbeiten, d.h. mit einer Reihe von im Voraus festgelegten Etappen-Zielen zusammen mit der Angabe, bis wann man sie erreicht haben will. Das Verpassen eines solchen Meilensteins ist meistens ein Zeichen dafür, dass das Projekt als Ganzes Verspätung hat. Bereits im April sah es schlecht aus bei den Meilensteinen: 78% Prozent der Firmen hatten damals angegeben, Etappen-Ziele zu verpassen. Auf gut Deutsch: Von 5 Firmen hatte 4 Probleme mit dem Zeitplan. Aber auch das lässt sich offenbar noch steigern: Jetzt sind es bereits 84%! (Wer meine Ausführungen vom 9. Juni über Informatik-Projekte generell gelesen hat, dürfte allerdings kaum überrascht sein.) Das für mich spektakulärste Resultat kommt aber erst noch. Im April verfügten ganze 3% über einen sogenannten "contingency plan", über eine Notfallplanung also. Tja, wer braucht denn auch einen Notfall-Plan, wenn die Jahr-2000-Projekte alle so gut laufen, nicht? Nun sind aber offensichtlich etliche Leute ziemlich ins Grübeln gekommen und haben sich überzeugen lassen, dass es keine schlechte Idee ist, den Notfall einmal durchzudenken: Jetzt, nur drei Monate später, verfügen in den USA bereits sensationelle 72% der befragten Firmen über einen Notfallplan. Darf ich Ihnen hier meine Informationen punkto Notfallplanung anbieten? Könnte ja sein, dass Sie Verwendung dafür haben: 18. Mai und 27. Mai. Ich schätze, den meisten Schweizer Firmen fehlt nicht nur ein Notfallplan, sondern sogar die Einsicht, dass sich für sie ein Notfall ergeben könnte im Jahr 2000. Ich warte mit immer grösserer Spannung auf den Moment, wo hier die Firmen aufwachen und dann alle miteinander in Panik losrennen. Für einen geordneten Start sehe ich kaum mehr Chancen. Den Original-Artikel finden Sie unter http://www.usa.capgemini.com/news/press/pr072098.html . |
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| Montag, 27. Juli 1998 | Die Mainframes der FAA | |
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Als mein Tagebuch erst ein paar Tage alt war, am 3. März, habe ich bereits berichtet über die amerikanische FAA, die für die zivile Luftüberwachung zuständig ist, und ihre Sorgen mit Uralt-Mainframes. Damals hatte sich IBM, der Hersteller, wegen des Alters dieser Maschinen ausserstande erklärt, ihre Jahr-2000-Tauglichkeit abzuklären. Die FAA versucht zwar schon seit geraumer Zeit, diese Computer abzulösen. Die Ablösung wurde aber immer wieder verschoben. Nun, auf das Jahr 2000 hin, läuft wieder mal ein Projekt, um sie endlich in Rente zu schicken. Weil die Computer für die FAA absolut lebensnotwendig sind, und wohl auch weil sie bisher nicht so Glück hatte mit Terminen, überlegt sich die FAA, was sie tut, wenn die Ablösung wieder nicht klappt - "Plan B", sozusagen. IBM hatte sich glatt geweigert, sich mit den Mainframes auseinanderzusetzen. Deshalb hat die FAA zwei bereits pensionierte IBM-Techniker engagiert. Diese gehören zu den wenigen Menschen auf der Welt, die noch den "Microcode" der 3083 verstehen. Dieser spielt für die Mainframes eine ähnliche Rolle wie das BIOS bei einem PC. Besonders kritisch sind die beiden Pumpen für die Wasserkühlung (ja, Sie lesen richtig, die Wasserkühlung): Zeitgesteuert muss immer zwischen den beiden Pumpen hin- und her-gewechselt werden, damit sie nicht überhitzen. Wenn z.B. am 1.1.2000 diese Zeitsteuerung durcheinanderkommt, läuft nichts mehr. Nun, vor einigen Tagen hat die FAA verkündet, punkto Mainframes könne man Entwarnung geben. Die beiden Techniker hätten herausgefunden, dass die Computer erst im Jahr 2007 Probleme mit dem Datum bekämen, mit dem Wechsel in das nächste Jahrtausend hingegen noch nicht. Diese Meldung erschien zahlreich in der amerikanischen Presse und im dortigen Internet, z.B. in der "Washington Post": http://www.washingtonpost.com/wp-srv/WPcap/1998-07/22/014r-072298-idx.html Ich bin fast sicher, dass die meisten Leute, die das lesen, den Eindruck bekommen, die FAA sei jetzt über den Berg und auf gutem Wege, ihr Jahr-2000-Problem rechtzeitig zu lösen. In den Artikeln ist ja auch nur die frohe Botschaft zu lesen, aber kaum etwas, was sie in den korrekten Zusammenhang stellt. In der ganzen Jahr-2000-Problematik der FAA ist nämlich die Frage der Jahr-2000-Tauglichkeit dieser Mainframes nur ein kleines Puzzle-Stück, und ein ziemlich unwichtiges dazu. Z.B. hat die FAA neben diesen Computern noch Dutzende anderer, über die nichts bekannt ist. Und schliesslich kommt es viel mehr auf die Programme als auf die Hardware an. Wenn jemand bei seinem PC testet, ob dessen Uhr von alleine den Sprung ins neue Jahrtausend schafft (zu diesem Problem siehe 10. März), und dann feststellt, dass er dies tut, ist schliesslich auch noch lange nicht alles in Butter: Es kann trotzdem die gesamte installierte Software samt Betriebsystem Amok laufen am 1.1.2000! Es stimmt mich ziemlich nachdenklich, dass solche relativierenden Informationen, die sehr wichtig sind für das Verständnis der Situation der FAA, in praktisch allen jetzt veröffentlichten Artikeln fehlen. Eine solche Informations-Politik stärkt nicht gerade das Vertrauen. |
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