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[Aktuelles Tagebuch]
[Gesamt-Archiv]
Archiv der Woche 53 (28. Dezember 1998 bis 1. Januar 1999)
Hier finden sich folgende Tages-Einträge:
| Freitag, 1. Januar 1999 | Hunterston B und die Ueberforderung |
| Donnerstag, 31. Dezember 1998 | Jahresrückblick |
| Mittwoch, 30. Dezember 1998 | The Y2K Weatherman |
| Dienstag, 29. Dezember 1998 | Windows 98 und das Jahr 2000 |
| Montag, 28. Dezember 1998 | Sind Anwender jahr-2000-fähig? |
| Freitag, 1. Januar 1999 | Hunterston B und die Ueberforderung | Vortag |
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Am letzten Samstag, dem 26. Dezember, war es sehr stürmisch in Schottland. Starke Winde unterbrachen in der Nacht um 11 Uhr Stromleitungen, und das Netz brach zusammen. Davon betroffen war auch das Kernkraftwerk Hunterston B in Ayrshire. Zuerst gingen die Dinge den vorgesehenen Lauf: Notfall-Generatoren sprangen automatisch an, um die Kühlung des Reaktorkerns weiterhin zu gewährleisten und ein Ueberhitzen desselben zu verhindern. Allerdings war nicht genügend Personal anwesend, um die Systeme in den Normalzustand zurückzuversetzen, als das Stromnetz wieder funktionierte. So liefen die Notfall-Generatoren immer noch, als am Sonntag Morgen um 11:45 zum zweiten Mal der Strom ausfiel. Das bekam den Systemen des Kraftwerks offensichtlich nicht besonders, denn jetzt schalteten die Generatoren ab. Alle Versuche des anwesenden Personals, sie wieder zu starten, scheiterten. Da mit einem Reaktorkern ohne Kühlung überhaupt nicht zu spassen ist, wurde die Situation zum ausgewachsenen Notfall deklariert. Nun wurden weitere Mitarbeiter des Werks aus ihrer Freizeit und ihrem Urlaub geholt und zum Kraftwerk gebracht, wo sie fünf Stunden brauchten, um alle Systeme zurück in den Normalzustand zu versetzen. Diese beunruhigende Geschichte, die mir gleich den richtigen Start ins neue Jahr gibt, findet man unter http://www.record-mail.co.uk/rm/stories/A3012804.html und http://news.bbc.co.uk/hi/english/uk/newsid_244000/244765.stm. Sie hat direkt nichts mit dem Jahr-2000-Problem zu tun, mit einem wesentlichen Aspekt desselben hingegen sehr wohl. Darf man diesen Vorfall als ein gutes Zeichen punkto Jahr 2000 werten? Darf man annehmen, dass man im Januar 2000 selbst grosse auftretende Probleme und Störfälle in den Griff bekommen wird, weil gut ausgebildete und trainierte Leute da sind und unter grossem Einsatz und Elan die Dinge richten? Wie steht es mit dem optimistischen Argument: "Sieh mal, was wir alles für Krisen schon gemeistert haben! Ich mache mir für das Jahr 2000 auch keine Sorgen." Wer so argumentiert, vergisst meiner Meinung nach einen wichtigen Aspekt des Jahr-2000-Problems: mögliche Ueberforderung unserer Fähigkeiten zur Behebung von Störungen durch zuviele Probleme gleichzeitig. Es ist ja interessant, dass der geschilderte Notfall durch eine Unterbesetzung der Belegschaft im Kraftwerk mit-verursacht wurde, wenn auch natürlich daran der Zeitpunkt des Vorfalls schuld war und nicht etwa gleichzeitige Probleme anderswo. Ein leicht verständliches Beispiel, was ich mit Ueberforderung meine, ist das eines Grossbrandes, bei dem man die Feuerwehren einer ganzen Gross-Stadt zusammenziehen muss, um dem Brand Herr zu werden. Zugegeben, die Leute der Feuerwehren sind gut ausgebildet, zweckmässig ausgerüstet, mit grossem Einsatz an der Arbeit, und sie löschen mit Erfolg den Brand. Alles, was es jedoch braucht, um diese Erfolgs-Story in einen echten Notfall ausarten zu lassen, ist ein zweiter Grossbrand in derselben Stadt. Innerhalb von nur 24 Stunden wird es überall auf der ganzen Welt der 1.1.2000. Wenn so viele Probleme gleichzeitig auftreten, dass wir überfordert werden, können etliche Dinge ganz schön aus dem Ruder laufen. |
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| Donnerstag, 31. Dezember 1998 | Jahresrückblick | Vortag |
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Was macht man am Jahresende, wenn man keine Idee mehr hat oder einfach zu faul ist, etwas Neues zu bedenken? Genau: einen Jahresrückblick. Ich habe in diesem Jahr viel gelernt. Nicht nur über das Jahr-2000-Problem, sondern über vieles andere mehr, z.B. über Psychologie und die Reaktionen von Menschen auf besondere Situationen. Das Jahr 2000 soll werden, wie es will, für mich hat sich die Sache bereits jetzt gelohnt. An dieser Stelle auch einmal meinen Dank an meine Leser, die mir per e-mail viele aufmunternde Worte und interessante Hinweise auf Jahr-2000-Informationen schickten. Und nun meine kleine persönliche Hitparade "Das ... des Jahres 1998": Der beste Y2K-Artikel des Jahres ist für mich "Y2K and the Bell Curve". Er steht bei mir aus dem Englischen übersetzt zur Verfügung: Y2K und die Glockenkurve. Der Y2K-Artikel, über den ich mich am meisten geärgert habe und der mich insgesamt am meisten enttäuscht hat, ist der "Konrad"-Artikel zum Thema - siehe 23. November. Meine Y2K-Person des Jahres ist Cory Hamasaki. Seine "Y2K Weather Reports" haben mittlerweile eine geschätzte Leserschaft von 100'000, und er dürfte damit punkto Jahr 2000 mehr in Bewegung bringen als irgendeine andere einzelne Person. Siehe auch 19. Juni. Ich sehe kein Ereignis im direkten Zusammenhang mit Y2K, dem ich den Titel "Ereignis des Jahres" geben möchte. Der grosse Durchbruch steht eben immer noch aus. Dafür möchte ich nochmals auf zwei bemerkenswerte Ereignisse hinweisen, die erahnen lassen, wie es im Jahre 2000 werden könnte: der Stromausfall in Auckland (siehe 17. März) und die Explosion in einer Gas-Raffinerie-Anlage in Victoria (siehe 7. Oktober). Der Fehlentscheid des Jahres ist für mich ganz klar die Einführung des Euro. Wenn das Jahr 2000 so wird, wie ich befürchte, werden die Europäer ihre schöne neue Währung noch verfluchen, und auch die Schweiz wird ihren Teil abbekommen, auch wenn sie nicht am Euro teilnimmt. Siehe 26. März und 5. Mai. Mein persönliches Erlebnis des Jahres punkto Y2K ist sicher mein Auftreten in der Sendung "Rundschau" des Schweizer Fernsehens - siehe 7. Dezember. Nun bleibt mir nur noch, Ihnen einen guten Rutsch ins neue Jahr zu wünschen! |
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| Mittwoch, 30. Dezember 1998 | The Y2K Weatherman | Vortag |
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Heute stelle ich wieder einmal eine Jahr-2000-Persönlichkeit vor: Dennis Elenburg, auch Y2K Weatherman genannt. Elenburg arbeitet schon seit einiger Zeit als Koordinator eines grossen Jahr-2000-Projektes bei einem amerikanischen Telekommunikations-Unternehmen. Er kennt also das Geschehen rund um Y2K aus erster Hand, aus eigener Erfahrung. Was er als Projekt-Koordinator so alles erlebte, hat ihn zur Ueberzeugung gebracht, dass das Jahr-2000-Problem eine sehr ernste und gefährliche Sache ist. Deshalb hat er im April dieses Jahres damit begonnen, seine "Y2K Weatherman Reports" auf den Internet zu veröffentlichen. Ein- bis dreimal pro Woche schreibt er seither seine Reports über verschiedenste Aspekte des Jahr-2000-Problems und hat mittlerweile eine interessante Informations-Sammlung mit beachtlichem Umfang aufgebaut. Die gesammelten Reports, mittlerweile zu "Y2kWatch News" umgetauft, finden sich unter http://y2kwatch.com/articles.html?mcat=1. Diese News gibt es auch in der Form eines Gratis-Abonnements per e-mail. Anfang April hatten 105 Leute die News abonniert. Bereits im Juni wurde die Tausender-Grenze überschritten, und die letzte Zählung ergab 14'202 Leser! Diese Statistik, die einiges aussagen dürfte über das stark steigende Interesse an Y2K in den USA, findet man unter http://www.homestead.com/Y2kWeatherman/statistics.html. Elenburg bezieht gelegentlich auch religiöse Aspekte in seine Ueberlegungen zum Jahr-2000-Problem mit ein. Er tut das auf eine konstruktive Weise, ohne Hang zu Fanatismus. Vielleicht ist es sowieso keine schlechte Idee, gewisse Fragen von Moral, Ethik und Religion als Vorbereitung auf das Jahr-2000-Problem einmal durchzudenken. Insbesondere Fragen, die in einem Szenario wie dem folgenden auftauchen: Das Jahr 2000 wird zu einer schlimmen Katastrophe, es kommt zu Hungersnöten, Sie sind vorbereitet und haben ausreichend Vorräte, viele Leute aber nicht, und eines Tages stehen diese vielen Leute vor ihrer Tür und verlangen etwas zu essen. Wenn Sie ein solch schlimmes Szenario zum vornherein als absurd beurteilen, erübrigt sich natürlich diese Frage für Sie. Wenn nicht, lohnt vielleicht etwas Nachdenken darüber. In diesem Zusammenhang finde ich auch die brutal-direkte sig-line von Tim May in comp.software.year-2000 erwähnenswert: Ich bereite mich nicht vor, aber ich weiss, wo Du wohnst. |
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| Dienstag, 29. Dezember 1998 | Windows 98 und das Jahr 2000 | Vortag |
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Am 7. Dezember gab Microsoft ein "Jahr-2000-Update" für die US-Variante von Windows 98 frei. Anwender von Windows 98 können sich dieses Update gratis von der Microsoft-Website herunterladen. Das Update für die Sprach-Varianten wie etwa Deutsch ist auf das erste Quartal 1999 angekündigt. Der Text zum Update auf der Website listet 11 Probleme auf, die diverse Teile von Windows 98 und mitgelieferte System-Programme mit dem Jahr 2000 haben. Hierbei handelt es sich um ein ziemliches Sammelsurium; die meisten Probleme fallen in eine Kategorie, die man etwa mit "vielleicht verwirrend, aber halb so wild" umschreiben könnte. Darunter ist auch das schon einige Zeit bekannte neckische Problem, dass Windows 98 mit dem Datum durcheinanderkommen kann, wenn man es genau um einen Jahreswechsel herum startet. Diese Möglichkeit besteht bei jedem Jahreswechsel, nicht nur von 1999 nach 2000. Man muss allerdings schon sehr genau "zielen", denn es geht um eine Zeit von einer Sekunde oder weniger, während derer dieser Fehler auftreten kann! Den Beschrieb des Updates findet man unter http://www.microsoft.com/windows98/highlights/Win98Y2K.asp. Auch wenn sich unter den 11 Problemen kein einziges wirklich schlimmes findet, will mir persönlich die Sache nicht gefallen. Nicht nur, dass der Anwender jetzt bei einem brandneuen Betriebssystem ein Update installieren muss, um punkto Jahr 2000 auf der sicheren Seite zu sein. Das 11 Probleme beim Testen entwischt sind, lässt die Vermutung aufkommen, dass die Jahr-2000-Problematik nicht allzu hoch oben auf der Prioritäten-Liste von Microsoft stand während der Entwicklung von Windows 98. Dass Microsoft den Jahreswechsel-1-Sekunden-Boot-Fehler nicht gefunden hat, verstehe ich noch. Über die Hälfte der Fehler hingegen scheinen mir so plump, dass man sie wohl gefunden hätte, wenn Microsoft vor der Freigabe von Windows 98 eine Handvoll Tester dazu verknurrt hätte, systematisch alle Orte des Betriebssystems abzuklappern, wo ein Datum im Spiel ist. Und dann kann ich mich auch nicht unbedingt anfreunden mit der bei Microsoft vorhandenen Tendenz, die Dinge als harmlos darzustellen. Der folgende Satz findet sich im Beschrieb des Updates, fett hervorgehoben und nicht zu übersehen: Year 2000 Issues Pose No Threat of Lost Data or PC Damage (Es besteht keine Gefahr eines Datenverlusts oder eines Schadens am PC durch die Jahr-2000-Probleme.) Nach meinem Urteil ist diese Aussage so absolut, ohne irgend eine Abschwächung per "wahrscheinlich" oder ähnlich, nicht richtig. Zwei der Probleme betreffen nämlich Teile des Betriebssystems, die von x-beliebigen Fremd-Programmen aufgerufen werden können. Beim einen geht es um OLE, beim anderen um eine bestimmte Art des Datenbankzugriffs. Microsoft kann gar nicht wissen, wie Programmierer die fehlerhaften Aufrufe des Betriebssystems verwenden und ob in der Folge Daten verloren gehen oder nicht. Dass man wohl arg Pech haben muss, bis dieser Fall tatsächlich eintritt, ändert nichts am Prinzip: Die Leute hätten eine sachlich richtige Aufklärung verdient. |
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| Montag, 28. Dezember 1998 | Sind Anwender jahr-2000-fähig? | |
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Mitte Dezember erschien ein interessanter Artikel eines amerikanischen Programmierers namens Mike Coston im Usenet. Coston hatte im Jahre 1990 für zwei Firmen, die Lagerraum an Privatkunden vermieten, eine spezielle Applikation entwickelt, mit den üblichen administrativen Aufgaben, die beim Vermieten so anfallen, wie etwa Rechnungen und Quittungen drucken, Mahnungen generieren, oder Statistiken drucken. Coston war seiner Zeit etwas voraus. Er sagt von sich, ihm sei die Jahr-2000-Datumsproblematik bereit 1985 bewusst geworden. Darum entwickelte er auch diese Applikation 1990 mit durchgehend vierstelligen Jahresangaben bei Datumsfeldern und somit bereits voll jahr-2000-fähig. Damit stiess er allerdings auf unerwartete Probleme. Die kritische Passage in seinem Bericht, von mir aus dem Englischen übersetzt:
Coston ist nun tatsächlich bereits seit Monaten an der Arbeit, seine 1990er-Applikation wieder auf vierstellige Jahreszahlen umzuarbeiten. Und das ist gar nicht so einfach: Weil das Werkzeug, das er bisher verwendet hat, mittlerweile nicht mehr unterstützt wird, muss er die ganze Applikation auf ein neues Datenbanksystem portieren. Auch sind im Laufe der Jahre so viele neue Felder in den Eingabemasken dazugekommen, dass jetzt im alten Design teilweise gar kein Platz mehr ist für 2 Stellen zusätzlich bei jedem Datumsfeld, und für die Masken ein aufwendiges Re-Design nötig ist. Diese Geschichte findet man unter http://www.dejanews.com/getdoc.xp?AN=422065960. Wenn man den Programmierern die ganze Schuld am Jahr-2000-Problem zuschiebt, weil diese zwei- statt vierstellige Jahresangaben programmiert haben, macht man es sich viel zu einfach. Die Leute sind so an die Verwendung zweistelliger Jahreszahlen gewohnt, dass man mit vierstelligen vielerorts bis vor kurzem auf erheblichen Widerstand gestossen wäre. Jemand hat mal im Usenet berichtet, er mache sich einen Spass daraus, überall das Jahr vierstellig zu schreiben (jemand aus den USA, wo man ziemlich stark auf MM/TT/JJ fixiert zu sein scheint), und sei prompt kürzlich mit einem Check in der Bank auf Schwierigkeiten gestossen: Am Schalter sagte man ihm, so gehe das nicht, er habe das Datum "falsch" geschrieben. Die Gewohnheit von buchstäblich Hunderten von Millionen von Leuten, mit Jahreszahlen zweistellig umzugehen, stellt definitiv einen Faktor dar bei der ganzen Jahr-2000-Problematik. Ich habe 1996 selbst ein ähnliches Beispiel wie Coston erlebt: Eine Kunde der Megos hat ganz explizit das Jahr zweistellig verlangt in Datumsfeldern. Immerhin läuft die Applikation intern trotzdem vierstellig, und dank Windowing wird "00" richtig als "2000" interpretiert, so dass keine Probleme zu erwarten sind. Uebrigens ist auch die Sache mit der Eingabe auf Feldern mit vierstelligen Jahreszahlen kein unlösbares Problem. Wenn man das System (wie bei unserem EMBASSY geschehen) mit einer schlauen Logik ausstattet, die zweistellige Eingaben erkennt und automatisch auf vier Stellen aufbereitet, brauchen die Anwender nicht immer und immer wieder "19" zu tippen, und es regt sich zum Vornherein viel weniger Widerstand. |
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