Das Jahr-2000-Problem: Archiv Woche 1/1999

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Archiv der Woche 1/1999 (4. Januar 1999 bis 8. Januar 1999)

Hier finden sich folgende Tages-Einträge:

Freitag, 8. Januar 1999 PKWs und Jahr 2000
Donnerstag, 7. Januar 1999 Nieder mit dem Kapitalismus!
Mittwoch, 6. Januar 1999 Erste konkrete Jahr-1999-Probleme
Dienstag, 5. Januar 1999 Utne Reader
Montag, 4. Januar 1999 Infomagic
 
Freitag, 8. Januar 1999 PKWs und Jahr 2000 Vortag

Schon wieder eine Woche vergangen, Zeit für Brunners Jahr-2000-Kuriosi - heute gleich zwei:

Moderne PKWs könnte man als rollende Computer bezeichnen, wenn man alle die "embedded systems" betrachtet, die sie enthalten, für ABS, automatischer Klimaanlage, Sensoren für verschiedenste Warn-Funktionen, usw. Da liegt natürlich die Frage nahe: Wie steht es mit dem Jahr-2000-Problem?

Nun, diese kleine Ecke von Y2K scheint nun tatsächlich so zu sein, wie Optimisten immer vom Problem als Ganzem behaupten: viel heisse Luft, wilde Spekulationen, wenig Fakten.

Mit schöner Regelmässigkeit tauchen im Usenet Postings auf, in denen behauptet wird, dass dieses oder jenes Fahrzeug ein Jahr-2000-Problem habe, und ebenso regelmässig sind bisher die Versuche gescheitert, diese Behauptungen irgendwie zu untermauern, z.B. durch Statements vom Hersteller selber oder von Automechanikern.

Jemand hatte bereits Mitte Mai 1998 von dieser Sache die Nase so voll, dass er die Initiative ergriff und eine Prämie aussetzte: Wer als erster glaubhaft dokumentieren kann, dass ein normales Auto, wie sie zu Millionen auf unseren Strassen herumfahren, ein Jahr-2000-Problem hat, gewinnt die Prämie.

Bis jetzt hat sich noch niemand diese Prämie, die im Moment auf 600 Dollar steht, holen können, was wohl schon ein gewisser Hinweis darauf ist, dass wenigstens normale PKWs selbst keine Jahr-2000-Probleme haben.

Details finden Sie unter http://www.ooi.com/~sburkett/y2k.html.

Mein zweites Kuriosum für heute verdanke ich einem Leser, der mich per e-mail darauf aufmerksam gemacht hat:

Jemand hat am Silvester, dem 31.12.1998, spät in der Nacht um 23:12, an einem Automaten der öffentlichen Verkehrsbetriebe in St. Gallen ein Billett gelöst. Mit der vorgesehen Gültigkeitsdauer von 1 Stunde hätte als Endzeit auf dem Billett 01.01.99, 00:12 gedruckt werden sollen.

Stattdessen kam der Automat ziemlich gründlich durcheinander und spuckte ein Billett mit folgender Angabe aus: 31.12.99, 24:12. Dieses ein Jahr gültige Billett mit einer Endzeit, die es gar nicht gibt, wäre ein schönes Sammlerstück!

Den zugehörigen Artikel findet man unter http://www.tagblatt.ch/sgt/online/a_sg.cfm?pass_id=235441.

 
Donnerstag, 7. Januar 1999 Nieder mit dem Kapitalismus! Vortag

Ich erzähle heute eine kleine fiktive Geschichte, um ein Phänomen im Jahr-2000-Geschehen zu illustrieren, das eigentlich ziemlich verrückt ist, wenn man genauer überlegt, und das mich oft beschäftigt. Wenn Sie am Ende der Geschichte nicht sicher sind, worauf ich hinauswill, sehen Sie mal bei Gary North rein unter http://www.garynorth.com/y2k/detail_.cfm/3263.

Begleiten wir also nun Herrn P., den Manager einer Firma, durch einen schicksalshaften Tag:

Am Morgen muss Herr P. vor der Arbeit kurz zum Arzt, um die Resultate einer Untersuchung abzuholen. Keine guten Nachrichten: Der Arzt rät ihm zu einer präventiven Blinddarm-Operation. Herr P. muss trotzdem kurz schmunzeln, denn er hat Statistiken gelesen, dass viele Operationen eigentlich überflüssigerweise durchgeführt werden und oft hauptsächlich dazu dienen, dass die Aerzte mehr verdienen.

Aber was soll's, sagt sich Herr P., das ist eben Kapitalismus, und im übrigen leistet sich nur eine Minderheit von Aerzten solche Spässe, und es ist in seinem Falle sicher klüger, auf den Rat des Spezialisten zu hören; dann kommt der Blinddarm eben raus.

Auf dem Weg ins Geschäft geht er schnell am Kiosk vorbei und kauft sich eine Zeitung. Aktuelle Schlagzeile: "Grosi von Tiger zerfleischt". Er schmunzelt, als er im Text liest, dass ein Tiger-Kätzchen einer 50-jährigen, die erst Grossmutter wird in einem halben Jahr, die Hände zerkratzt hat, so dass sie zum Arzt musste.

Tja, sagt sich Herr P., die Zeitung muss eben rentieren und schauen, dass sie verkauft, da muss jeden Tag ein Aufhänger her. Auch wenn oft ein wenig übertreiben wird, enthält die Zeitung doch eine Menge zutreffender und wichtiger Nachrichten. Gut investiertes Geld, so eine Zeitung. Funktionierender Kapitalismus in Aktion!

Im Geschäft angekommen, beginnt er sich durch die neueste Studie zu arbeiten, die er sich beschafft hat: "Auswirkungen von Xyz auf die Börse". Sie war sündhaft teuer, mehrere Tausend Franken, und wenn Herr P. es sich richtig überlegt, steht da im Prinzip auch nur drin, was er schon zu wissen glaubt, dass nämlich die Kurse weiter steigen.

Er muss wieder schmunzeln: Eigentlich clever, diese Börsenhandelsfirma: Verkauft sie ihm doch zuerst für teures Geld eine Studie, in der sie schreibt "Kaufen! Investieren!", und dann verdient sie nochmals, wenn er dann über diese Firma tatsächlich Aktien kauft! Aber das ist eben Kapitalismus, sagt sich Herr P., ist ganz natürlich, klappt bestens.

Dann, am Nachmittag, kommt ein Y2K-Berater zu einem ersten Vorstellungs-Gespräch. Y2K? Ach ja, dieses Jahr-2000-Problem. Der Berater will seiner Firma helfen, das Problem zu lösen. Das Gespräch darf allerdings nicht zu lange dauern, denn Herr P. möchte heute früh nach Hause, um am Abend noch an einer Informations-Veranstaltung über Privat-Versicherungs-Wesen teilzunehmen.

Schon wieder muss Herr P. schmunzeln, denn gleich drei Versicherungs-Gesellschaften treten als Sponsoren dieser Veranstaltung auf. Tja, Kapitalismus, wie er leibt und lebt! Aber es gibt sicher trotzdem viel Interessantes zu hören da.

Dann trifft der Y2K-Berater ein und beginnt mit seinen Ausführungen. Herr P. ist von Anfang an misstrauisch: Was will ihm dieser Berater eigentlich verkaufen? Jede Menge Beratung und anschliessend womöglich teure Anschaffungen von neuen Programmen und noch teurere Ueberarbeitungen bestehender Programme? Und was soll alles Schlimmes passieren können, falls er nichts unternimmt? Bis hin zur Firmenpleite? Ist ja lächerlich!

Also da kommt dieser Berater bei Herrn P. aber an den richtigen! Angst machen mit irgendeinem nebulösen Jahr-2000-Problem und dann kräftig abkassieren! Nicht mit Herrn P. Der Berater kann gerade noch eine Einladung zu einer Y2K-Informations-Veranstaltung aus der Tasche ziehen, da komplementiert ihn Herr P. auch schon zur Türe hinaus.

Ein Skandal, diese skrupellosen Abzocker.

Herr P. sieht sich die Einladung etwas genauer an. Ha, die verlangen sogar Eintritt für ihre Informations-Veranstaltung! Geld für zwei Stunden Informieren zu verlangen, so was. Und wer ist da Sponsor? "GGG - Gute Goldmünzen GmbH"?

Jetzt muss Herr P. nicht nur schmunzeln, sondern laut herauslachen. Also die Goldfritzen sind auch schon auf diesem Tripp, den Leuten Angst zu machen vor der totalen Krise, um dann den Leuten ihre Münzen zu verkaufen! Ach, was werden die den Leuten wohl für einen Unfug erzählen, bei dem Sponsor, damit die Leute auch alle hübsch kaufen am nächsten Morgen!

Das ist der Beweis, dass Y2K absoluter Humbug ist, der Herrn P. noch gefehlt hat.

 
Mittwoch, 6. Januar 1999 Erste konkrete Jahr-1999-Probleme Vortag

Ich habe am 22. Dezember 1998 eine Voraussage gewagt punkto Jahr-1999-Problem. Nun, es ist bereits einige Tage 1999, lässt sich schon etwas sagen?

Es lässt sich sagen, dass über erste Jahr-1999-Probleme berichtet wird.

Normalerweise kann man sich in Schweden am Flughafen provisorische Reisepässe machen lassen, um in einem Notfall trotzdem reisen zu können. Einige Tage lang war das in den drei internationalen Flughäfen Schwedens nicht mehr möglich, weil gewisse Computer auf die Eingabe von 99 mit einer Fehlermeldung im Stile von "end of file" antworteten. Sechs Leute konnten so ihre Reise nicht antreten.

Ebenfalls in Schweden gab es Probleme mit dem elektronischen Zahlungssystem "Giroguide" der Post. Zahlungen mit der expliziten Angabe eines Ausführungsdatums im Jahre 1999 wurden vom entsprechenden Programm als fehlerhaft zurückgewiesen.

Dies kann man nachlesen unter http://deseretnews.com/dn/view/0,1249,30004467,00.html? und in der neuesten Ausgabe des "Risk Digest" unter http://catless.ncl.ac.uk/Risks/20.14.html (den ich nebenbei wieder einmal als sehr seriöse und ergiebige Informationsquelle für Informatik-Probleme empfehlen möchte).

Probleme mit Taxi-Metern hatte man am 1. Januar in etwa 300 Taxis in Singapur. Die Geräte funktionierten überhaupt nicht mehr. Offenbar konnte das Problem schnell behoben werden, denn es ist von lediglich zwei Stunden Ausfall die Rede in der entsprechenden Meldung unter http://www.nandotimes.com/noframes/story/0,2107,4087-7222-50116-0,00.html

Es lässt sich auch sagen, dass ein grösseres Chaos zumindest bisher ausgeblieben ist, so dass ich bezüglich der Richtigkeit meiner Voraussage momentan vorsichtig optimistisch bin.

Beispiele wie die genannten sind vielleicht recht amüsant. Man kann auch lange und ausgiebig darüber streiten, ob es sich jeweils um echte Jahr-1999-Probleme, um Vorausschau-ins-Jahr-2000-Probleme oder schlicht um normale Fehlprogrammierung punkto Jahreswechsel handelt.

Wichtiger jedoch ist folgende Frage: Lassen sich zusätzliche Erkenntnisse über Y2K gewinnen, z.B. aus der Art und der Häufigkeit dieser Probleme? Ich glaube nicht.

Dass es überhaupt 99er-Probleme geben wird, war eh schon klar, das brauchte nicht erst noch bewiesen zu werden. Wieviele Jahr-1999-Probleme es wirklich sind, wissen wir nicht und werden wir wahrscheinlich auch nie erfahren. Es macht nicht jede Firma einen Tag nach dem Auftreten eines solchen Problems eine Pressekonferenz, und Zeitungen veröffentlichen nicht Listen aller neuen Fälle, damit man eine Statistik erstellen kann.

Dies spielt meiner Meinung nach auch gar keine Rolle, weil es sowieso nicht möglich ist, aus der Anzahl Jahr-1999-Probleme die zu erwartende Anzahl Jahr-2000-Probleme abzuleiten. Es gibt hierfür schlicht viel zu wenig Zusammenhang zwischen diesen beiden Dingen.

So sehr man sich eine sichere Aussage punkto Y2K wünschen mag: Via Beobachtung der Jahr-1999-Probleme ist sie nicht zu bekommen.

 
Dienstag, 5. Januar 1999 Utne Reader Vortag

Der Utne Reader, online präsent unter http://www.utne.com, ist ein Magazin in den USA, das alle zwei Monate erscheint.

Eric Utne, der Gründer und Mit-Herausgeber des Magazins, hatte nicht viel vom Jahr-2000-Problem gehört, bis ihn sein Sohn darauf aufmerksam machte. Was er dabei erfuhr, hat ihn so besorgt gemacht, dass er spontan beschloss, eine Beilage zum Magazin in Form eines kleinen Buches zusammenzustellen und gratis an alle 260'000 Abonnenten zu verschicken.

Das Buch gibt vor allem Informationen darüber, wie man sich vorbereiten kann auf eventuelle Probleme, die das Jahr-2000-Problem mit sich bringen könnte. Dabei steht nicht alleine die persönliche Vorbereitung im Vordergrund, sondern auch diejenige, die auf breiterer Ebene möglich und sinnvoll ist, in der Nachbarschaft und in der Gemeinde.

Erfreulicherweise steht der ganze Inhalt des Buches auch online zur Verfügung, und zwar per WWW unter http://www.utne.com/y2k/index.html, und zum Herunterladen und Ausdrucken als Adobe-Acrobat-File unter http://www.utne.com/y2k/Y2KBookMain.pdf.

Der Wert des Buches liegt nicht so sehr in brandaktuellen Neuigkeiten oder epischer Breite, sondern in einer guten und ausgewogenen Zusammenstellung von Informationen, wie man sich vorbereiten kann. Jetzt würde man sich das Ganze für unsereins hierzulande nur noch auf Deutsch wünschen! Man kann eben nicht alles haben.

Und jetzt noch einen Jahr-2000-Witz, den ich kürzlich im Usenet aufgeschnappt habe (nicht politisch korrekt, aber was soll's):

Sagt der eine Programmierer zum andern: "Weisst du, 1999 schreibt man römisch MCMXCIX. 1998 war sogar noch länger: MCMXCVIII. Also, wenn wir bei den römischen Zahlen geblieben wären, statt die arabischen einzuführen, hätten sicher alle Programme breite Eingabefelder für Jahreszahlen, und das Jahr-2000-Problem wäre gar nie aufgetaucht!"

Antwortet der andere Programmierer: "Verdammt, schon wieder so ein Anschlag von Arabern auf den Westen!"

 
Montag, 4. Januar 1999 Infomagic  

Verschiedentlich taucht im Zusammenhang mit dem Jahr-2000-Problem die Befürchtung auf, die Folgen desselben könnten so schlimm werden, dass sie zum Zusammenbruch unserer Zivilisation führen. Dieser "Weltuntergang" ist sogar mit einem Akronym bedacht worden: TEOTWAWKI (siehe 15. Mai 1998).

Selten jedoch geht jemand über die blosse Befürchtung hinaus und versucht zu argumentieren, wie genau sich denn dies abspielen könnte. Wohl deshalb hat letzten Herbst jemand im Usenet ziemlich Aufsehen erregt mit dem Versuch, ein solches Szenario zu liefern: eine Person bekannt unter dem Pseudonym Infomagic.

Ich habe seinen diesbezüglichen Artikel, der am 3. September 1998 erschien, aus dem Englischen übersetzt und als SET RECOVERY ON zur Verfügung gestellt.

Es handelt sich hierbei um den ersten Teil einer ganzen Artikel-Serie; bis heute sind zwei weitere Teile erschienen, wiederum als Teile von "Y2K Weather Reports" von Cory Hamasaki. Ein Gesamt-Archiv dieser Reports finden Sie unter http://www.sonnet.co.uk/muse/dcwrp.html.

Schauen Sie sich die Sache einmal an. Ich glaube, es wäre falsch, Infomagic einfach als ultrapessimistischen Spinner abzutun. Sein Ansatz, unsere moderne Welt in Analogie zu einem Spinnennetz zu betrachten, ist zumindest interessant.

Der Artikel enhält konkrete Voraussagen zum Börsengeschehen bis Ende 1998, die definitiv nicht eingetroffen sind: der Dow-Jones-Index ist nicht um die Hälfte gefallen, sondern bewegt sich immer noch nahe eines absoluten Rekordstandes.

Wer will, leitet aus diesem gescheiterten Versuch einer Voraussage ab, dass die Theorien von Infomagic nun natürlich in ihrer Gesamtheit auch nicht stimmen können: Problem gelöst, der Weltuntergang kann getrost wieder abgesagt werden.

Wer will, kann auch dieses Detail übersehen und sich trotzdem Sorgen darüber machen, dass es im Vorfeld von Y2K der Weltwirtschaft gar nicht gut geht, wie ich das am 8. September 1998 selbst auch getan habe, und sich dann die Relevanz dieser Tatsache punkto Y2K überlegen.

 

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