Das Jahr-2000-Problem: Archiv Woche 19/1999

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Archiv der Woche 19/1999 (10. Mai bis 14. Mai 1999)

Hier finden sich folgende Tages-Einträge:

Freitag, 14. Mai 1999 Zu jung
Donnerstag, 13. Mai 1999 UVI Nr. 6: Feuerlöschgerät
Mittwoch, 12. Mai 1999 Triaxsys
Dienstag, 11. Mai 1999 Schlechte Aussichten
Montag, 10. Mai 1999 Polen
 
Freitag, 14. Mai 1999 Zu jung Vortag

Gleich zwei Kuriosi heute:

Brian Hug, Schüler einer Schule im Staate Ohio in den USA, hatte bis vor kurzem einen Nebenjob: Er half mit, die Computer an seiner Schule auf das Jahr 2000 vorzubereiten. Man bezahlte dem talentierten 11-jährigen Jungen dafür 5.15 Dollar pro Stunde.

Nun aber ist der Spass vorbei. Als nämlich Beamte des Erziehungsdepartements von der Sache hörten, schritten sie ein und verboten Brian, weiterzuarbeiten. Sie beriefen sich dabei auf ein Gesetz, das Jugendlichen unter 14 Jahren Nebenjobs während der Schulzeit verbietet.

Es gibt zwar gewisse Ausnahmen wie etwa das Austragen von Zeitungen oder die Mithilfe auf einer elterlichen Farm. Aber offensichtlich gehört das Bekämpfen des Jahr-2000-Problems an einer Schule nicht zu den Ausnahmen...

Diese Geschichte findet man unter http://www.cleveland.com/y2k/news/april/04brian05.ssf.

Die zweite Geschichte fand im Libanon statt. Am letzten Samstag machte dort ein Gerücht rasend schnell die Runde: Der Tschernobyl-Virus, der am 26. April Hunderttausende von Computern weltweit lahmgelegt hatte, könne Mobiltelefone infizieren und schädigen.

Viele Libanesen schalteten daraufhin ihre Handys aus und suchten sich normale Telefone, um Freunde und Familienangehörige anzurufen und vor der Gefahr zu waren. Auf dem Höhepunkt der "Krise" kam es zu einer solchen Belastung des Telefonnetzes, dass es für einige Minuten zusammenbrach.

Diese Story findet sich unter http://cnn.com/WORLD/meast/9905/09/lebanon.cell.hoax.ap/.

Warum erzähle ich sie hier? Erstens, weil ich sie ganz lustig finde, und zweitens, weil sie wieder einmal zeigt, wie wenig es braucht, bis sich solche Dinge hochschaukeln und zu unerwarteten Effekten führen. Wenn schon ein wildes und dazu noch unplausibles Gerücht die Leute in Aufregung versetzt, wie kommt das wohl in den ersten Januar-Tagen 2000 heraus?

 
Donnerstag, 13. Mai 1999 UVI Nr. 6: Feuerlöschgerät Vortag

Vor meiner neuen UVI zuerst einen Nachtrag zur Budget/Arbeit-Geschichte von gestern, der ganz interessant sein dürfte. Es geht dabei nicht um eine Firma, sondern gleich um die gesamte amerikanische Bundesregierung:

Im Februar 1997 wurde geschätzt, dass sie 2.3 Milliarden Dollar braucht, um alles jahr-2000-fähig zu machen. Mittlerweile, nach zwei Jahren an der Arbeit, steht diese Schätzung bei 7.5 Milliarden Dollar, über dreimal mehr. Davon wurde bis Ende 1998 aber erst die Hälfte ausgegeben, gemäss GAO.

Nur drei Monate später, am 31. März 1999, gab Koskinen bekannt, die kritischen Systeme der Regierung seien bereits zu 92% jahr-2000-fähig. Hat nun für diese formidable Leistung die US-Regierung die zweite Hälfte der 7.5 Milliarden in nur drei Monaten verbraucht? Aber nein! Diese zweite Hälfte ist anscheinend immer noch zum grössten Teil vorhanden.

Aber nun, irgendwie wird das schon alles seine Richtigkeit haben! Keinerlei Grund zur Sorge also. Diese Geschichte finden Sie unter http://www.y2knewswire.com/19990512.htm.

Nur zur UVI: Wie ich schon am 24. Februar 1999 ausgeführt habe, könnte das Jahr 2000 zu einer recht brenzligen Sache werden. Wenn es nämlich tatsächlich so weit kommt, dass es Stromausfälle von vielen Stunden Dauer gibt und in der Folge die Häuser ohne Licht und Heizung sind, könnte sich das übel entwickeln:

Kerzen, Oel- und Gaslampen, Gasherde, das alles hat mit Feuer in irgendeiner Form zu tun, und viele Leute werden in einer solchen Situation diese Dinge einsetzen, ohne grosse Erfahrung damit zu haben oder mit der nötigen Vorsicht vorzugehen. Mögliche Folge: ein starker Anstieg der Anzahl Brände.

Was liegt da näher, als sich privat mit einem Feuerlöscher auszustatten?

Es gibt auch ohne Y2K schon einiges, das für einen Feuerlöscher zu Hause spricht. Brände gibt es immer wieder, darunter wahrscheinlich eine Menge, denen mit einem Feuerlöscher und dem richtigen Verhalten beizukommen wäre. Unter http://www.feuerwehr.li/triesen/diverses/ratschlage.htm kann man z.B. lesen, dass in der Schweiz jedes Jahr etwa 200 Menschen bei Bränden ums Leben kommen und 6 Milliarden Franken Schaden entsteht.

Eine Menge Tipps über Brandbekämpfung und Feuerlöscher findet man unter http://www.renner-niemietz.com/start.htm.

Es gibt neben Feuerlöschern auch noch andere, weniger bekannte Feuerlöschgeräte, die aber auch ihre Einsatzmöglichkeiten haben. Ich habe mal in einer Zivilschutz-Uebung Feuerlöschen mit Hilfe einer Eimerspritze geübt. Das ist im Prinzip ein sehr einfaches Gerät: ein Eimer mit Wasser, ein Schlauch, eine Pumpe, und ein Schlauch mit einer Düse.

Ich war am Anfang recht skeptisch, ob man damit etwas ausrichten kann, aber oh Wunder, so ein kleines Ding löscht selbst respektable Brände, je nach dem, was brennt.

Solche Eimerspritzen dürften allerdings nicht ganz einfach zu erhalten sein. Ich habe aber gesehen, dass die Schweizer Armee solche Geräte gelegentlich bei Verkäufen von Ausmusterungs-Ware anbietet, für nur 30 Franken.

 
Mittwoch, 12. Mai 1999 Triaxsys Vortag

Triaxsys Research LLC, eine grosse amerikanische EDV-Berater-Firma, hat kürzlich die Resultate einer von ihr durchgeführten Jahr-2000-Studie veröffentlicht.

Sie hat sich mit den "Fortune 1000", den 1000 umsatzstärksten Firmen der USA, beschäftigt. Die Studie stützt sich auf Angaben, die diese Firmen selbst in ihren "SEC Filings" gemacht haben (punkto SEC siehe 27. August 1998).

Von den 1000 Firmen haben 647 angegeben, welchen Prozentsatz des gesamten Jahr-2000-Projekt-Budgets sie ausgegeben hatten bis Ende 1998. Wenn man diese Angaben zusammenträgt und statistisch auswertet, ergibt sich ein interessantes Bild.

Der Durchschnitt über alle Firmen ist 56% des Budgets ausgegeben bis Ende 1998. Es gibt aber beträchtliche Abweichungen davon. Aufgefallen im Negativen sind z.B. 3Com mit ganzen 7%, Sun mit erst 14% und Union Carbide mit 20%.

231 Firmen stehen bei 60% oder darüber und haben nach der Einschätzung von Triaxsys gute Chancen, Jahr-2000-Fähigkeit zu erreichen. 241 Firmen stehen zwischen 41% und 60%, was schon nicht mehr so vertrauenserweckend ist. 175, also etwas über ein Viertel aller Firmen, haben erst 40% oder weniger ihres Jahr-2000-Budgets ausgegeben.

Immerhin, und das soll nicht verschwiegen werden, geht es vorwärts. Triaxsys hat bereits vor einem Quartal und vor zwei Quartalen eine derartige Studie gemacht und kann darum jetzt Zahlen vergleichen. In den letzten beiden Quartalen wurde im Schnitt über alle Firmen etwa 15% des Budgets pro Quartal ausgegeben. Geht das in etwa so weiter, werden die Firmen "im Schnitt" knapp vor dem Januar 2000 die Ziellinie passieren.

Die Zahlen im Detail findet man unter http://www.triaxsys.com/prlag.htm.

In comp.software.year-2000 wurde angeregt diskutiert, ob es zulässig ist, aus dem Prozentsatz des ausgegebenen Geldes auf den Fortschritt der Jahr-2000-Projekte zu schliessen. Heisst "50% ausgegeben" mehr oder weniger "erst die Hälfte der Arbeit geschafft"? Von der Antwort auf diese Frage hängt nämlich ab, ob man die Resultate der Studie als schlechte Nachricht werten muss oder nicht.

Wenn nur ein lockerer Zusammenhang besteht zwischen diesen beiden Dingen, ist eine Angabe wie "erst 40% des Budgets aufgebraucht" für sich alleine noch keine schlechte Nachricht: Vielleicht hat die Firma teure Hardware-Anschaffungen noch vor sich, aber den Hauptteil der Umstellungs-Arbeit bereits geleistet.

Ich muss gestehen, mich haben solche Argumente hin zu einer positiven Sicht nicht sehr überzeugt. Es mag solche Abweichungen geben, aber über Hunderte von Firmen dürfte sich doch die Sache ziemlich ausgleichen, so dass es zwecks Diskussion vertretbar ist, vereinfachend beide Dinge gleich zu setzen: x% Geld ausgegeben als in etwa Problem zu x% bewältigt.

Es wäre ja noch eine Sache, wenn die Triaxsys-Studie als Anomalie in der Landschaft stehen würde, ohne andere Studien, die in dieselbe Richtung weisen. Mit Triaxsys sind jetzt aber innert kurzer Zeit vier Studien veröffentlicht worden (über eine davon habe ich kürzlich am 4. Mai 1999 berichtet), deren Grundtenor immer derselbe ist:

Es wird knapp, verdammt knapp, und das in den USA und in Kanada, wo man das Problem ernster nimmt und es früher angegangen ist als in vielen anderen Ländern.

 
Dienstag, 11. Mai 1999 Schlechte Aussichten Vortag

Die Meldung hat ziemlich Kreise gezogen: Sie war in gedruckten Zeitungen sowie deren Online-Ausgaben. Im Usenet wurde in de.alt.jahr2000 darüber diskutiert. Ich selbst habe ein Fax und eine e-mail dazu bekommen. Vielleicht kennen Sie sie auch schon, aber ich bringe sie trotzdem, weil sie einfach in verschiedener Hinsicht zu schön ist, um sie auszulassen.

Es geht um den Deutschen Wetterdienst. Er macht sich Sorgen um die Genauigkeit seiner Wettervorhersagen. Um auf einige Tage hinaus einigermassen zuverlässige Vorhersagen zu machen, ist der Wetterdienst auf Daten des russischen Wetterdienstes angewiesen: Z.B. kommt im Winter kaltes Wetter oft von Russland her nach Deutschland. Ohne die Daten von da fehlt sozusagen die "Frühwarnung".

Man hat nun beim Deutschen Wetterdienst gemerkt, dass es in Russland punkto Y2K ziemlich düster aussieht, insbesondere beim russischen Wetterdienst. Es ist überhaupt kein Geld vorhanden, um dessen Hardware und Software jahr-2000-tauglich zu machen, damit auch im neuen Jahr noch Daten geliefert werden können.

Bei Wettervorhersagen geht es ja nicht immer nur um harmlose Fragen wie die nach Picknick im Freien morgen oder nicht. In der Luftfahrt z.B. sind genaue Wetterdaten ziemlich wichtig für eine sichere Abwicklung.

Weitere Informationen über diese Geschichte finden Sie unter http://www.zdf.msnbc.de/news/33712.asp.

Warum finde ich diese Geschichte schön? Zum einen, weil sie sehr anschaulich zeigt, was das Jahr-2000-Problem alles für überraschende Folgen haben könnte bzw. haben wird. Auch mir, nach vielen Monaten Beschäftigung mit dem Problem, ist dieser spezielle Zusammenhang nicht von selbst bewusst geworden. Ich könnte mir vorstellen, dass wir den ganzen Januar 2000 durch jeden Tag mehrere Geschichten dieses Kalibers werden lesen müssen, mit zum Teil weit drastischeren Folgen für unser Alltagsleben.

Zum zweiten zeigt die Geschichte, das viele Dinge auf internationaler Ebene zusammenhängen und durch rein nationale Anstrengungen schlicht und einfach nicht zu lösen sind. Da können unsere Regierungen noch so viele ausführliche und umfangreiche Statusberichte veröffentlichen, sei es nun über die Schweiz, über Deutschland, oder welches einzelne Land auch immer: Wenn sich niemand um all die internationalen Verflechtungen kümmert, bleibt ein wichtiger Teil des Bildes schwarz.

Zum dritten: Ist es nicht umwerfend, dass man sich Sorgen macht über die Daten der Russen, aber nichts geschrieben wird über etwaige Jahr-2000-Probleme des Deutschen Wetterdienstes? Ist da alles in Ordnung? Ist es so selbstverständlich, dass eine Organisation im 1A-Vorzeuge-Industrieland Deutschland Y2K im Griff hat, dass man kein Wort darüber verlieren muss?

Ich kenn mich da ja nicht besonders aus, aber gehören nicht die Wetterleute zu dem Teil der Menschheit, der sich mit gigantischen, zum Teil jahrzehntealten FORTRAN-Applikationen herumschlägt? (FORTRAN war die erste Hochsprache überhaupt. Ist nicht bei den Anwendern der Sprache den Schritt vom 22 Jahre alten Standard "FORTRAN 77" auf den nur 9 Jahre alten Standard "FORTRAN 90" zum Teil immer noch im Gange?)

Vielleicht gibt es da trotz allem keine Jahr-2000-Probleme zu lösen, z.B. weil die Wetter-Simulations-Programme nur mit Zeit und nicht mit Datum arbeiten. Aber selbst dann würde sich darüber zu schreiben lohnen, oder nicht?

 
Montag, 10. Mai 1999 Polen  

Meine zweite Umfrage ist abgeschlossen. Das Endresultat können Sie sich unter Umfragen anschauen. Meinen Dank an die mehr als 200 Leser, die geantwortet haben! Mit beiden bisherigen Umfragen erfolgreich fahre ich sicher in dieser Weise weiter und werde Sie nächste Woche wieder mit einer Frage überraschen.

Ein kurzer Kommentar meinerseits: Ueber die Hälfte der Antwortenden scheint mehr oder weniger dieselbe Meinung zu haben wie ich selbst (siehe 1. April 1999): Wenn schon Vorräte, dann nicht nur für 3 Tage.

Man darf wohl vermuten, dass viele Leute mit "unzureichend" oder "völlig unzureichend" als Antwort sich tatsächlich mit Vorräten eindecken werden oder das bereits getan haben. Und mich in Gesellschaft zu wissen von etwa 100 Leuten, die sich ähnlich wie ich vorbereiten, finde ich beruhigend: Vielleicht bin ich leicht verrückt, aber auf jeden Fall nicht alleine.

Nun zum Thema Polen: So langsam dringen Statusberichte punkto Jahr 2000 aus verschiedensten Ländern zu uns, so dass man sich mit der Zeit einigermassen einen Ueberblick verschaffen kann, wo wieviele Probleme zu befürchten sind. Polen ist natürlich als Nachbarland Deutschlands besonders interessant.

Am besten ist, Sie führen sich den kompletten Artikel unter http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/te/2792/1.html mit einem interessanten Ueberblick der Situation in jenem Land selbst zu Gemüte.

Hier nur ein paar "Appetithäppchen": In Polen fehlt es so ziemlich an allem: an Problembewusstsein, an Entscheidungen, an politischem Konsens, an konkreten Massnahmen sowieso, und vor allem anderen an Geld. Der Haushalt 1999 sieht keinen einzigen Zloty für Jahr-2000-Arbeiten vor; offiziell zur Verfügung stehen lediglich 600'000 Dollars von der Weltbank. Ob man damit ein ganzes Land jahr-2000-fähig machen kann?

Ist es wirklich nur eine unrealistische Horrorvision, dass im Jahr 2000 die öffentliche Ordnung in Polen zusammenbrechen könnte und sich in der Folge Flüchtlingsströme nach Deutschland hinein ergiessen in einem Umfange wie in den letzten Wochen nach Albanien aus dem Kosovo heraus? Die deutsch-polnische Grenze ist auf jeden Fall heute schon keine einfache Sache, nach allem, was man so hört und liest.

In dieselbe Kategorie "schlechte Nachrichten aus dem Osten" fällt auch folgende Meldung vom grossen Nachbarn Polens: Deputy Prime Minister Vladimir Bulgak gab in einer Kabinetts-Sitzung die Schätzung bekannt, dass 15 bis 20 Prozent aller Computer in Russland den Wechsel ins Jahr 2000 nicht schaffen könnten.

Er liess sich nicht darüber aus, was genau damit gemeint ist und was für Folgen hiervon befürchtet werden, aber beruhigend finde ich diese Meldung nicht. Siehe http://www.cnn.com/WORLD/europe/9904/28/BC-Russia-Y2K.ap/index.html.

 

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