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Archiv der Woche 3/1999 (18. Januar 1999 bis 22. Januar 1999)
Hier finden sich folgende Tages-Einträge:
| Freitag, 22. Januar 1999 | Gary South |
| Donnerstag, 21. Januar 1999 | Programmiersprachen und Jahr 2000 |
| Mittwoch, 20. Januar 1999 | Russland und Y2K |
| Dienstag, 19. Januar 1999 | Die Bombe in der Disco |
| Montag, 18. Januar 1999 | Jahr-2000-Tag im Schweizer Fernsehen |
| Freitag, 22. Januar 1999 | Gary South | Vortag |
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Sie kennen wahrscheinlich den Amerikaner Gary North und seine berühmte Y2K-Website http://www.garynorth.com. Aber kennen Sie auch Gary South und seine Website http://www.garysouth.com? Wenn nicht, schauen Sie einmal rein; das Ganze ist recht witzig gemacht und wohl gut für einen Lacher. Besitzer der Domain "garysouth.com" ist übrigens ein gewisser Christopher Minson, von dem ich ansonsten noch nie etwas gehört habe. Ist wohl jemand, der sich ziemlich stark über Gary North ärgert. Auf der Website selbst ist nirgends ersichtlich, von wem sie gemacht wurde und wer für den Inhalt verantwortlich ist. Ich finde Gary North und seine politischen bzw. religiösen Ansichten persönlich auch seltsam bis sehr seltsam (siehe 2. Juni 1998), aber das ändert nichts daran, dass er punkto Zusammentragen von Informationen über Y2K gute Arbeit leistet. "www.garysouth.com" ist deshalb nicht nur ein Witz, sondern zugleich auch ein Beispiel für "Wenn Dir die Nachricht nicht gefällt, erschiesse einfach den Boten". Hat noch selten geholfen. Ein weiteres Kuriosum ist eine Meldung aus China über eine recht seltsame Methode, um den rechtzeitigen Abschluss von Jahr-2000-Projekten zu erwirken. Es wurde gemeldet, die Regierung habe befohlen, dass alle Leiter von Fluglinien persönlich am 1.1.2000 einen Flug absolvieren müssen. Das soll wohl für den nötigen Anreiz schaffen, mit der Bewältigung des Jahr-2000-Problems bei den Fluglinien vorwärtszumachen! Siehe z.B. http://www.wired.com/news/news/politics/story/17409.html. Und schliesslich ein eher trauriges Kuriosum, um meine Tagebuch-Woche endgültig abzuschliessen: In seiner 77-minütigen Rede zur Lage der Nation wurde Clinton fast 100 Mal durch Applaus unterbrochen. Als er allerdings das Jahr-2000-Problem mit ein paar kurzen Sätzen erwähnte, wussten die Abgeordneten offensichtlich nicht so recht, was sie damit anfangen sollten, denn es stand lediglich ein einziger Abgeordneter auf und applaudierte. Siehe http://www.usatoday.com/life/cyber/tech/cte201.htm. Da lohnt es sich doch direkt, Hamasakis Glosse über die "Rede zur Lage von dem, was von der Nation noch übrig ist" wieder mal hervorzukramen - siehe 2. Juli 1998. |
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| Donnerstag, 21. Januar 1999 | Programmiersprachen und Jahr 2000 | Vortag |
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Ich versuche mich heute an einem Stück "Grundlagen-Wissen für Computerlaien". (Informatiker bitte wegschauen.) Punkto Programmiersprachen und Jahr 2000 gibt es ein Missverständnis, das man immer mal wieder antrifft und das zu falschen Schlüssen über das Jahr-2000-Problem führen kann. Man liest Aussagen wie "Programm x ist nicht jahr-2000-fähig, weil es in ASSEMBLER erstellt wurde" oder "Früher hat man vorwiegend in COBOL programmiert, und weil diese Sprache nicht jahr-2000-fähig ist, haben heute so viele Programme Probleme." Wie ist hier der Zusammenhang? Sind nicht nur Programme, sondern sogar gewisse Programmiersprachen nicht jahr-2000-fähig, so dass alle Programme, die in ihnen geschrieben sind, automatisch ein Problem haben? Es gibt so viele Sprachen, Programmierwerkzeuge und Systeme, dass eine umfassende Antwort auf diese Fragen unter Berücksichtigung aller Aspekte ein Buch füllen würde. Deshalb hier eine Antwort, die dank starker Vereinfachung noch einigermassen übersichtlich ist: Die meisten Programmiersprachen sind per se weder jahr-2000-fähig noch jahr-2000-unfähig, weil sie sich nämlich überhaupt nicht um Datumsverarbeitung kümmern. In der Beschreibung der Sprachen kommt der Begriff "Datum" nirgends vor, und es gibt keine Befehle, um Datumsangaben direkt als solche zu verarbeiten. Die Sprachen sind Universalwerkzeuge, und wenn jemand etwas mit einem Datum machen muss, kann er das darum problemlos selbst programmieren. Nun ist es natürlich so, dass nicht jeder Programmierer wieder das Rad neu erfindet und als erstes Programmstücke zur Datumsbehandlung schreibt, bevor er das eigentliche Programm in Angriff nimmt. Zu praktisch allen Sprachen gibt es bereits solche vorgefertigten Programmstücke. Manchmal ist sogar in der Form eines Standards genau festgelegt, wie diese aussehen müssen, und manchmal sind sie so eng mit der Programmiersprache verknüpft, dass man genau hinschauen muss, um die Grenzen zu sehen. In diesem vorgefertigten Programmstücken können sehr wohl Jahr-2000-Fehler lauern, und wenn sie das tun, sieht es dann so aus, als ob die Sprache selbst solche Fehler hätte. Aber es bleibt dabei, dass die eigentliche Sprache selbst datumsneutral ist. Es gibt auch einige Sprachen, die voll integrierte Datumsfunktionen kennen, und darunter sogar einige, bei denen diese Funktionen nicht komplett jahr-2000-fähig sind, und in der Folge alle Programme, welche die Funktionen verwenden, auch nicht. Also doch ein Zusammenhang? Ich würde sagen, jein. Natürlich ist die Versuchung für einen Programmierer gross, vorhandene und vielleicht sogar standardisierte Programmstücke zur Datumsbehandlung zu nutzen, wenn sie angeboten werden, obwohl diese nicht jahr-2000-fähig sind. Bei eingebauten Befehlen ist die Versuchung nochmals grösser. Aber: Mir ist kein Fall eines Systems bekannt, wo der Programmierer aus technischen Gründen gezwungen wäre, diese Dinge zu verwenden und sich damit Fehler einzuhandeln. Programmiersprachen sind wie gesagt Universalwerkzeuge; der Programmierer kann stets alle jahr-2000-problematischen Dinge links liegen lassen und sich seine eigene Datumsbehandlung schreiben, voll jahr-2000-fähig selbstverständlich, wenn er das will. Ich habe mal irgendwo gelesen, dass ein bestimmer COBOL-Befehl in älteren Implementationen der Sprache das laufende Tagesdatum mit einer zweistelligen Jahreszahl zurückgibt und dass dies mit ein Grund sei, dass viele COBOL-Programme nicht jahr-2000-tauglich seinen. Also wenn es nur das ist! Technisch gesehen überhaupt kein Problem, gewäss einer Windowing-Logik nach dem Aufruf sofort das Jahrhundert zu ergänzen und voll vierstellig weiterzurechnen. Aber zugegeben, einen Programmierer, der solcherart "gegen den Strom schwimmt", hätte man wohl früher ziemlich schief angeschaut. Eine ganz ähnliche Argumentation, wie ich sie hier für Programmiersprachen geführt habe, kann man übrigens auch für Betriebssysteme führen. Auch da ist der Zusammenhang zwischen Betriebssystemen und Programmen recht schwach, und man kann nicht generell von den Jahr-2000-Fähigkeiten der einen auf diejenigen der andern schliessen. Es wäre ja wunderbar, wenn die Jahr-2000-Probleme in den Programmiersprachen selbst liegen würden. Dann würde es nämlich genügen, einfach den neuesten, jahr-2000-fähigen Compiler zu verwenden, um aus dem Source-Code ein jahr-2000-fähiges Programm zu erzeugen, und presto, Problem gelöst. Es ist eben nicht so, die Fehler stecken tatsächlich allermeist irgendwo in den Programmen selbst, in jedem Programm wieder auf eine etwas andere Weise an anderen Orten, und es hilft kein Trick der Welt, alle Fehler auf einmal zu erschlagen. |
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| Mittwoch, 20. Januar 1999 | Russland und Y2K | Vortag |
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Die Berichterstattung über Y2K am letzten Donnerstag im Schweizer Fernsehen war praktisch vollständig auf die Schweiz beschränkt. Das Ausland kam, wenn überhaupt, nur sehr am Rande vor. Man muss sich aber bewusst sein, dass die Geschehnisse im Ausland im Januar 2000 wesentlich mitbestimmen, wie die Sache hier ablaufen wird. Unter anderem darum heute ein Blick in ein Land, das gar nicht so weit weg ist, wie man vielleicht meint: Russland. Es dürfte allgemein bekannt sein, dass sich dieses Land in einer tiefen Wirtschaftskrise befindet. Y2K ist etwas, das dieses Land im Moment am allerwenigsten gebrauchen kann. Wenn bereits generell an allen Ecken und Enden das Geld fehlt, wie soll sich Russland auf das Jahr 2000 vorbereiten? Aus Russland selbst hört man wenig über das Jahr-2000-Problem, und wenn, dann sind es schlechte Nachrichten wie z.B. die unter http://www2.nando.net/noframes/story/0,2107,8519-14666-104085-0,00.html: Sprecher sagt, Russland unterschätzte das Jahr-2000-Problem, Kosten. Immer mehr hört man darüber, dass sich andere Leute, z.B. die Amerikaner, Sorgen machen über die Lage in Russland punkto Y2K. Ein besonders bedrohlicher Aspekt sind dabei die Atomraketen; siehe http://dailynews.yahoo.com/headlines/tc/story.html?s=v/nm/19990115/tc/military_2.html. Hier mag allerdings eine gewisse Tendenz, mit dem Zeigen auf Russland von den eigenen Problemen abzulenken, ebenfalls mitspielen. Neben den Atomraketen darf man natürlich die Atomkraftwerke Russlands nicht vergessen. Hier sieht es leider auch nicht so gut aus: Was ich am 23. Juni 1998 berichtet habe, gilt meines Wissens immer noch: Das Atomenergie-Ministerium will sich erst im Jahr 2000 mit etwaigen Problemen beschäftigen. "Fix on failure" in Reinkultur, nur mit einem ziemlich hohen Einsatz... Eine interessante Zusammenfassung des Standes bezüglich Y2K liefert die BBC unter http://news.bbc.co.uk/hi/english/sci/tech/newsid_255000/255563.stm. Sie schreibt, es gäbe gute und schlechte Nachrichten: Gut sei, dass in Russland die Abhängigkeit von Computern weit weniger gross sei als in westlichen Industriestaaten; schlecht sei, dass viele Systeme total veraltet und mit Hilfe von exotischen Programmiersprachen erstellt worden seien, also nur sehr schwer zu reparieren. Aufschlussreich ist auch ein Artikel des Spiegels unter http://www.spiegel.de/netzweltarc/themen/russland_y2k.html: Jahrtausendwechsel in Russland? Viel Spass! [...] Am 1. Januar 2000 nicht in Russland Bahn fahren! Oder wollen Sie zwischen Murmansk und Moskau einfrieren? Aber wenn wir jetzt die brunnersche Panikmache mal zur Seite legen, startende Interkontinentalraketen und explodierende Atomkraftwerke sein lassen (sie sind wohl trotz allem recht unwahrscheinlich) und auf dem Teppich bleiben: Welche Folgen könnten Probleme in Russland für Westeuropa haben? Unter http://www.gima.de/laender/russinfo.htm findet man die Information, dass Deutschland satte 40% seines Erdgases und immerhin 20% seines Erdöls aus Russland importiert. Mit Hilfe der Angaben über die Verteilung auf die verschiedenen Energieträger unter http://www.hea.de/stat/tab01.htm und http://www.rhenag.de/wirts.htm kann man ausrechnen, dass dies fast 1/7 aller Energie ausmacht, die in Deutschland überhaupt konsumiert wird. Es dürfte nicht ganz einfach sein, auf diesen Siebtel zu verzichten im Januar 2000, sollte in Russland das Chaos ausbrechen und nichts mehr geliefert werden. |
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| Dienstag, 19. Januar 1999 | Die Bombe in der Disco | Vortag |
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Stellen Sie sich vor, Sie seien der verantwortliche Leiter einer Disco. Sie sehen an einem Abend gerade zu, wie 500 Leute auf relativ engem Raum zusammen sind und sich vergnügen, als Sie erfahren, dass irgendwo in der Disco eine Bombe mit grosser Sprengkraft versteckt ist, die bereits in 10 Minuten hochgeht. Nehmen wir zwecks Diskussion einmal an, diese Information sei absolut vertrauenswürdig: Sie wissen mit Sicherheit, dass die Bombe da ist und dass sie in 10 Minuten explodiert. Wie reagieren Sie? Sie könnten den Kopf in den Sand stecken, bildhaft gesprochen, und einfach nichts tun. Schlechte Idee: Die Bombe geht hoch in der Disco voller Leute, was mit Sicherheit zu vielen Todesopfern führt. Da ist es auch unerheblich, ob Sie selbst da bleiben oder nicht. Sie könnten versuchen, die Leute zum Verlassen der Disco zu bringen, ohne ihnen irgendetwas über die Bombe zu sagen. "Leute, wir haben leider ein technisches Problem, keine Musik mehr heute, geht alle nach Hause." oder so ähnlich könnte Ihre Ansage lauten, um dies zu erreichen. Auch keine besonders gute Idee: So bringen Sie die Disco kaum in den geforderten 10 Minuten leer, die Situation droht immer noch in ein Blutbad auszuarten. Sie könnten die Neuigkeit mit der Bombe ganz direkt und unverblümt auf die bis dahin ahnungslosen Gäste loslassen. Wiederum keine sehr gute Idee: Mit grosser Wahrscheinlichkeit löst dies eine ausgewachsene Panik aus, und wenn 500 Leute gleichzeitig auf die wenigen Ausgänge losstürmen, besteht die reale Gefahr, dass einige zu Tode getrammpelt werden. Dass sich nach 10 Minuten wirklich niemand mehr in der Disco befindet, ist bei einer Panik auch nicht sicher. Was bleibt? Sie könnten, wiederum bildlich gesprochen, eine Gratwanderung versuchen: den Leuten irgendwie den Eindruck vermitteln, es liege ein ernsthaftes Problem vor, so dass sie die Disco wirklich verlassen, aber sie doch nicht so direkt vor den Kopf stossen und mit der brutalen Wahrheit konfrontieren, dass eine Panik ausbricht. Sie können bei dieser Gratwanderung natürlich abstürzen, sprich, es bricht trotz bestem Bemühen Ihrerseits eine Panik aus. Vielleicht kommen Sie jedoch zu dem Schluss, dass Sie dieses Risiko in Kauf nehmen, weil andererseits ebenfalls eine gute Chance besteht, alle 500 Leute heil aus der Disco rauszukriegen. Mir persönlich scheint die Entscheidung, welcher Ansatz unter den anfangs formulierten Annahmen den besten Erfolg verspricht, recht einfach zu sein: Ich würde sagen, irgendetwas in der Art der zuletzt beschriebenen "Gratwanderung" drängt sich förmlich auf. Nun variieren wir aber die Annahmen etwas. Nehmen Sie an, es sei nicht sicher, dass eine Bombe da ist, nur ziemlich sicher. Nun, mit "ziemlich sicher" mag es immer noch klüger sein, den Leuten zumindest teilweise die Wahrheit zu sagen, auch wenn Sie damit das Risiko einer Panik eingehen. Wie steht es, wenn vielleicht eine Bombe da ist, vielleicht auch nicht? Mir scheint, irgendwo kippt die Risiko-Abwägung, und es ist nicht mehr klug, eine Panik in Kauf zu nehmen, wenn nur vielleicht ein Bombe da ist. Dann kommt vielleicht der Ansatz mit dem technischen Problem zum Einsatz, um die Disco innert vernünftiger Zeit zu räumen; die letzten paar Nachzügler schmeissen Sie einfach raus. Wir können die graduellen Abstufungen von "mit Sicherheit eine Bombe da" bis zu "mit Sicherheit keine Bombe da" als durchgehende Skala von 1 bis 0 mit beliebig feinen Abstufungen betrachten, wie in der Wahrscheinlichkeitsrechnung üblich, und uns dann darüber unterhalten, ob z.B. bei 0.8 bzw. 80% oder bereits bei 0.7 bzw. 70% eine Panik bewusst in Kauf genommen werden soll, um die Leute vor der Bombe in Sicherheit zu bringen. Nehmen wir an, wir einigen uns auf auf einen bestimmten Wert 0.x bzw. xx%. Nun übertragen wir die ganze Situation auf das Jahr-2000-Problem, das die Rolle der Bombe übernimmt, die hochgehen könnte. Gemäss unserer Disco-Argumentation müsste man die Leute irgendwie warnen, dass schlimme Auswirkungen zu befürchten sind, wenn man sich zu xx% oder mehr sicher ist, dass diese tatsächlich eintreffen. Selbst auf die Gefahr hin, eine Panik auszulösen, müsste man die Leute irgendwie dazu bringen, sich vorzubereiten, z.B. mit dem Anlegen von Lebensmittelvorräten. Der Staat müsste ebenfalls diverse Massnahmen einleiten, um der möglichen Gefahr besser begegnen zu können, unter bewusster Inkaufnahme einer Panik. Was ich durch meine relativ lange und wortreiche Argumentation versuche, möglichst klar und deutlich herauszuarbeiten, ist folgendes: Wirklich wichtig und zentral ist, zu welchem Schluss über die möglichen Folgen des Jahr-2000-Problems man kommt. Der ganze Rest ergibt sich dann praktisch von alleine, insbesondere die Antwort auf die wichtige Frage, ob es angebracht ist, eine Panik zu riskieren oder nicht. Gerade, weil für mich das Urteil über die Schwere der zu befürchtenden Probleme bzw. deren Wahrscheinlichkeit so zentral ist, schreibe ich dieses Tagebuch und versuche möglichst vielen Leuten ein fundiertes Urteil zu ermöglichen, oder ihnen wenigstens die Tatsache klar zu machen, dass es wichtig ist, zu einem Urteil in dieser Frage zu kommen. Ohne ins Detail zu gehen, wo genau ich mit meiner Einschätzung der Schwere der möglichen Y2K-Folgen stehe, kann ich Ihnen doch verraten, dass für mich persönlich die Sache mittlerweile relativ klar ist: Liebe Leute, verlasst die Disco, wir haben ein ernstes Problem, es könnte eine Bombe da sein, keine Panik, aber beeilt euch, alle raus hier. Begleiten Sie mich auf meiner Gratwanderung! |
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| Montag, 18. Januar 1999 | Jahr-2000-Tag im Schweizer Fernsehen | |
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Letzten Donnerstag, am 7. Januar, war so etwas wie ein "Jahr-2000-Tag" im Schweizer Fernsehen SF1. Gleich in vier aktuellen Sendungen wurde über Y2K berichtet, von 19:00 bis 22:00. Zuschauer konnten auf eine spezielle Nummer anrufen, wo die Leute des Teams um Herrn Grete ("Mister 2000") Fragen beantworteten, und unter http://www.sfdrs.ch/y2k hatte das Fernsehen eine kleine Website zum Thema eingerichtet. Es wurde eine breite Palette von Informationen rund um Y2K vermittelt, mit Reportagen einerseits, mit Interviews im Studio andererseits. Ich habe im folgenden diese Informationen relativ detailiert niedergeschrieben, damit Leute hier in der Schweiz, die die Sendungen verpasst haben, und Tagebuch-Leser in Deutschland und anderswo diese trotzdem mitbekommen, und auch sehen, wie das Jahr-2000-Problem im Schweizer Fernsehen dargestellt wurde. Es wird vielleicht interessant sein, diese Darstellung mit den zwei Sendungen im Deutschen Fernsehen zum Thema zu vergleichen, die heute abend ausgestrahlt werden: auf Südwest 3 in "Blickpunkt Europa" um 21:00, und auf SAT1 in "Planetopia" um 22:45. Ich möchte erstmal keine weiteren Kommentare abgeben, sondern auf die Urteilsfähigkeit meiner Leser vertrauen, zu sehen, in welche Richtung der Hase gelaufen ist letzten Donnerstag, und darauf hinweisen, dass in meinem mittlerweile sehr umfangreichen Tagebuch-Archiv zu allen angesprochenen Themen eine Fülle von Informationen vorhanden sind, die ein etwas weniger optimistisches Bild zeichnen. Auf alle diese Sendungen hin gab es übrigens am Donnerstag Abend und auch später kaum zusätzliche Zugriffe auf mein Tagebuch. Wenn Sie lesen, was ausgestrahlt und wie orientiert wurde, verstehen Sie vielleicht, warum. Die Zimmerei und Schreinerei Steiner AG, ein typischer Schweizer KMU, wurde vorgestellt. Dort ist das Jahr-2000-Problem Chefsache: Herr Steiner kümmert sich persönlich darum. Der Betrieb mit 35 Mitarbeitern hat ein Budget von 70'000 Franken für die Bewältigung des Problems. Bis im Frühling wird das Projekt abgeschlossen sein. Die Informatik-Firma Dataline ( http://www.dataline.ch) mit 18 Mitarbeitern, hat diverse Jahr-2000-Projekte für Kunden am Laufen. Nach eigenen Angaben bringt Y2K einen grossen Umsatz, und es ist abzusehen, wann die Firma im Interesse der bestehenden Kunden und auch ihrer Mitarbeiter neue Aufträge ablehnen muss. Jetzt sei es zwar fünf vor zwölf, aber noch nicht zu spät, um ein Projekt zu beginnen, sagte der Leiter der Firma. Im relativ kleinen Bezirksspital Zofingen ist ebenfalls ein Jahr-2000-Projekt am Laufen. Man ist sich dort bewusst, dass ein Versagen der diversen Geräte oder auch ein Stromunterbruch sehr schnell zu lebensbedrohenden Situationen führen kann, und nimmt die Sache entsprechend ernst. Eine Notstromgruppe ist vorhanden, die 2/3 des Strombedarfs des Spitals abdeckt. Auch bei Stromausfall könne die Betreuung der Patienten zu einem grossen Teil weitergeführt werden, benötige aber einen entsprechend grösseren Aufwand an "Manpower", wie ein Arzt erklärte. In den Hauptnachrichten, zur besten Sendezeit also, kam Herr Grete im Studio selbst zu Wort. Für den Jahreswechsel 1999/2000 erwartet er einzelne Störungen, die aber keine nationalen Dimensionen annähmen. In grossen Städten erwartet er keine Stromausfälle, allenfalls lokale Ausfälle verursacht durch kleinere E-Werke. In Kantons- und Bundesverwaltungen werde im Rahmen von Jahr-2000-Projekten gute Arbeit geleistet, und es seien gute Resultate zu erwarten. Ein Restrisiko für Probleme verbleibe allerdings, und einzelne Firmen könnten sehr wohl in Schwierigkeiten kommen. In MTW wurde das Jahr-2000-Problem der Kiosk AG vorgestellt. Sie arbeitet mit der Firma Tecnosoft ( http://www.tecnosoft.ch) zusammen, die wiederum auf die indische Firma "Millennium Factory" in Madras zurückgreift. Bis jetzt seien 5 Millionen Zeilen Code mit 10'000 Datumsfeldern umgestellt. Bis Mitte Jahr ist der Abschluss des Projekts geplant. Ebenfalls in MTW beantwortete Herr Grete eine Reihe weiterer Frage, unter anderem diejenige, ob es sinnvoll sei, als Vorbereitung auf den Jahreswechsel Nahrungsmittelvorräte anzulegen. Nach seiner Aussage gibt es immer gute Gründe, Vorräte zu haben, speziell wegen Y2K seien sie aber nicht nötig. Ein paar Reserve-Batterien und Kerzen könnten allenfalls nicht schaden. In den Spätnachrichten "10 vor 10" ging es um das Thema Jahr 2000 und Banken. Das Jahr-2000-Problem der UBS wurde vorgestellt: 120 Millionen Franken, 50 Programmierer hier in der Schweiz, 25 in Indien, bis Mitte 1998 Abschluss geplant, 40'000 Programme zu prüfen, dabei bisher 3 Fehler gefunden (ja, 3 Fehler, nach Aussage des Sprechers in der Reportage). Projektleiter Brupbacher antwortete auf die Frage nach der Sicherheit des Geldes, am 1.1.2000 sei das Geld so sicher auf der Bank, wie es an jedem Tag in den letzten 100 Jahren gewesen sei. Die UBS sei bei Bedarf sogar zur Abgabe schriftlicher Garantien bereit. Punkto Strom wurde die Umfrage des VSE (siehe 13. Januar 1999) kurz erwähnt. Herr Uehli vom VSE antwortete in einem Interview hierzu, er halte einen Zusammenbruch der Stromversorgung hier in der Schweiz für sehr unwahrscheinlich. Die Stromverteilung sei prinzipiell nicht vom Datum abhängig, es bestehe eine Kapazitäts-Reserve von 10%, und schliesslich sei man in einen gesamt-europäischen Stromverbund eingebunden, was die Sicherheit ebenfalls erhöhe. Bei der Stromübertragung gebe es auch sehr viele manuelle Eingriffsmöglichkeiten, die man zur Bewältigung von Problemen nutzen könnte. Ebenfalls in "10 vor 10" wurde Herr Hunziker, der Stellvertreter von Herrn Grete, zum Thema befragt. Nach seinem Urteil nähmen die Schweizer die Sache mit dem Jahr 2000 relativ cool. Es gäbe allerdings einige Leute, die sich mit Phantasie Szenarien ausmalen würden. Als Kommentar auf meine Aussage in der Rundschau, dass ich alles Geld abzuheben gedenke auf den Jahreswechsel hin, meinte er, das sei unvernünftig, und zudem ein Sicherheitsrisiko, wie ich auch selbst zugegeben hätte. |
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