Das Jahr-2000-Phänomen: Archiv Woche 2/2000

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Archiv der Woche 2/2000 (10. Januar bis 14. Januar 2000)

Hier finden sich folgende Tages-Einträge:

Freitag, 14. Januar 2000 Mehr baden, bitte!
Donnerstag, 13. Januar 2000 Y2K und Börse
Mittwoch, 12. Januar 2000 Viren?
Dienstag, 11. Januar 2000 Embedded Systems?
Montag, 10. Januar 2000 Geduld
 
Freitag, 14. Januar 2000 Mehr baden, bitte! Vortag

Vor 3 Tagen erhielten wir in der Megos etwas, auf das wir seit Neujahr gewartet hatten und von dem wir fast sicher waren, dass es früher oder später kommt: eine Rechnung mit einer falschen Jahreszahl, im konkreten Fall eine Rechnung mit Datum 4.1.1900.

Das wirklich Bemerkenswerte an diesem Fall ist aber nicht das Datum, sondern ein Blatt, das zusammen mit der Rechnung kam, und auf dem sich der Rechnungssteller für das falsche Datum entschuldigt.

Ich kann mir ohne Mühe das Management jener Organisation vorstellen, wie es die Informatiker fragt, bis wann das Rechnungs-Programm voraussichtlich repariert sein wird, und dann eine Schätzung so weit in der Zukunft bekommt, dass man ganz einfach nicht solange warten kann mit dem Verschicken der Rechnungen und in den sauren Apfel mit der hoch-peinlichen Rechnung samt Begleitnotiz beissen muss.

Denn: Wie mittlerweile jedermann weiss, hat man ganz einfach kein Jahr-2000-Problem, Punkt. In der Schweiz erst recht nicht.

Versuchen Sie nicht, jetzt dem Pressebüro des Kreml eine e-mail zu schicken. Die kämpfen da nämlich mit Y2K und können voraussichtlich erst etwa Ende Monat wieder e-mails empfangen. Auch eine ziemlich peinliche Sache, wenn Sie mich fragen. Siehe http://www.theage.com.au/breaking/0001/13/A22076-2000Jan13.shtml.

Und zu guter Letzt noch diese etwas kuriose Meldung: In Golden, Colorado, wurden die Leute aufgefordert, mehr Wasser zu verbrauchen und z.B. häufiger als sonst zu baden. Die Tanks der Wasserwerke wurden als Vorsichtsmassnahme vor dem Jahreswechsel bis oben hin gefüllt, und jetzt droht das Wasser schlecht zu werden, wenn es nicht bald verbraucht wird. Siehe http://cnn.com/2000/US/01/07/colorado.water.ap/index.html.

 
Donnerstag, 13. Januar 2000 Y2K und Börse Vortag

Mein Jahr-2000-Phänomen für heute, auf das mich der Webmaster von http://2000.klug-suchen.de/ aufmerksam machte: Wenn das Usenet-Posting unter http://www.deja.com/getdoc.xp?AN=571123944 stimmt, haben gewisse installierbare Linux-Filesysteme zum Lesen von DOS/Windows-Partitionen einen Y2K-Bug derart, dass man seit dem 1.1.2000 nicht mehr vernünftig von Linux aus auf die Partitionen zugreifen kann.

Ich möchte heute ein bisschen über Zusammenhänge von Y2K und Börse plaudern. Ich bin kein Börsen-Profi, aber beobachte doch das Geschehen dort interessiert und aufmerksam.

Ich habe letztes Jahr einmal spekuliert, dass die Folgen von Y2K und diejenigen eines Kurssturzes an den Börsen sich gegenseitig verstärken könnten und dass die beiden Phänomene zusammen weit mehr Schaden anrichten könnten, als eines alleine je in der Lage wäre.

Nun, Y2K war bisher ein solcher Non-Event, dass die Börse verständlicherweise nicht mit einem Kurssturz darauf reagiert hat.

Als sich in den ersten Januar-Tagen der "Non-Event" abzeichnete, rechnete ich im Gegenteil damit, dass die Börse vor Freude Luftsprünge machen und aus Erleichterung mit einem starken Kursanstieg reagieren würde. Aber auch das ist nicht eingetreten, wohl, weil die Leute an der Börse sich überhaupt nie gross um Y2K gekümmert haben, vor dem 1.1.2000 nicht und eben nachher auch nicht.

Ein weiterer Zusammenhang von Y2K und Börse geistert seit einiger Zeit als Gerücht herum: Die "Fed" habe aus Angst vor einer Y2K-bedingten Liquiditätskrise in den letzten Wochen des Jahres 1999 die umlaufende Geldmenge in den USA um Dutzende von Milliarden Dollar erhöht (und nicht nur Bargeld auf Vorrat gedruckt). Diese Milliarden hätten schnurstracks den Weg zur Börse genommen und dort den starken Kurstanstieg gegen Ende Jahr mit-verursacht.

Nun stehe die Fed vor grossen Schwierigkeiten, diese quasi überflüssig gewordenen Milliarden wieder einzusammeln d.h. die Geldmenge wieder auf das Vor-Y2K-Niveau zu senken, ohne dass ihr das die Börse übelnimmt.

Gut, dass ich von solchen Dingen nicht viel verstehe.

Aber die Börse ist immer wieder für eine Geschichte gut, so dass ich gelegentlich Lust hätte, ein "Börsen-Tagebuch" zu schreiben (aber keine Angst, nur gelegentlich):

In Grossbritannien gibt es einen Internet-Provider namens "Freeserve". Der Witz daran: Dieser Provider ist gratis. Mit diesem unschlagbar günstigen Angebot ist Freeserve innert kurzer Zeit einer der grössten ISP in Grossbritannien geworden und hat Millionen von Nutzern.

Freeserve ist auch an die Börse gegangen und ist dort die astronomische Summe von 5 Milliarden Pfund wert. Leuchtet doch unmittelbar ein, oder? Mit einer Gratis-Leistung lässt sich sicher eine Menge Geld scheffeln, zumindest nach heutiger Börsen-Logik. Diese Börsen-Kapitalisierung entspricht 3000 Pfund pro Freeserve-Nutzer...

Siehe http://news.bbc.co.uk/hi/english/business/newsid_594000/594267.stm.

Ein Spruch aus dem Artikel: Profit is for wimps (in etwa "Gewinne sind etwas für Feiglinge"). Yeah, right.

 
Mittwoch, 12. Januar 2000 Viren? Vortag

Zuerst mein "Y2K-Fehler des Tages" für heute (zwar bereits vom letzten Samstag, aber trotzdem noch erwähnenswert): Die japanische Post hat Mühe mit dem Computersystem, das die Weiterleitung und die Zustellung von "eingeschriebenen" bzw. registrierten Postsendungen verfolgt. Es wird zwar trotzdem zugestellt, aber sozusagen "blind". Grund: 146 von 6000 Poststellen wurden irgendwie einfach vergessen, als es darum ging, ein Software-Update zu installieren. Siehe http://www.ft.com/hippocampus/q31ba3a.htm.

Am 22. Dezember 1999 habe ich über Spekulationen geschrieben, es könnten eine Menge Viren aktiv werden in den ersten Januar-Tagen und dadurch das allgemeine Y2K-Chaos noch vergrössern.

Nun, es hat tatsächlich nicht gefehlt an Artikeln, die auf diese Gefahr hingewiesen haben, wie etwa http://currents.net/newstoday/00/01/02/news2.html oder http://currents.net/newstoday/99/12/28/news8.html. Teilweise überschlugen sich die Warnungen fast, mit Formulierungen wie "möglicherweise Hunderte von neuen Viren".

Wie sieht die Sache im Lichte des neuen Jahres aus? Wie so einiges rund um Y2K hat sich auch diese Gefahr nicht realisiert. Ganze 14 neue Viren sind über den Jahreswechsel aufgetaucht. Siehe http://www.cnnfn.com/news/technology/newsbytes/141590.html.

Hersteller von Antivirus-Produkten sind schon in der Vergangenheit gelegentlich aufgefallen mit etwas übertriebenen Warnungen, was ihnen jeweils prompt den Vorwurf eingebracht hat, sie übertrieben immer wieder, um ihre Produkte besser zu verkaufen.

Aber das gehört mindestens ein Stück weit zum Dilemma, wenn man in einem Sektor tätig ist, bei dem es um negative Dinge geht: Man kann es eigentlich nie richtig machen. Wehe, es wird einmal vor einem gefährlichen Virus zu wenig gewarnt - dann geht man natürlich auch und erst recht auf diese Hersteller los.

Und warum haben die Virenschreiber sich nicht anstecken lassen von der "Magie des Augenblicks"? Vielleicht haben sie es mit etwa 95% der Bevölkerung gehalten und den 1.1.2000 gemieden, weil sie dieses "Y2K-Ding" einfach für so etwas von uncool gehalten haben.

Wie man übrigens unter http://www.heise.de/tp/deutsch/special/info/5666/1.html nachlesen kann, sind Viren trotz allem sehr aktuell - wenn auch hier auf eine etwas überraschende Weise.

 
Dienstag, 11. Januar 2000 Embedded Systems? Vortag

Kleiner Nachtrag zur Feuerwehrsache von gestern: Wenn man sich die Seite mit den Einsätzen der Berliner Feuerwehr unter http://www.feuerwehr-berlin.de/news/einsaetze.html genau ansieht (mit Javascript aktiv), sieht man ganz unten auf der Seite je nach Browser eine Jahreszahl "0" oder "100"...

Es sind mittlerweile Details bekanntgeworden zur Geschichte mit der mehrfachen Uebermittlung von Kreditkartenzahlungen von gestern - siehe http://currents.net/newstoday/00/01/10/news1.html. Interessant fand ich dabei die Information, dass die betroffenen Händler zumindest mitschuldig sind, denn sie haben es offensichtlich verschlafen, rechtzeitig ein Jahr-2000-Update der fraglichen Software zu installieren. Kommt mir irgendwie bekannt vor, dieses Thema. Sonst noch wer verschlafen?

Ich möchte heute eine kleine Serie mit Rückblicken auf den Jahreswechsel starten und versuchen, den angesprochenen Scherbenhaufen etwas zu sortieren.

Von den vielen möglichen Jahr-2000-Problemen hätten nur ganz wenige so schnell so drastische Auswirkungen haben können, dass sie uns noch während der Silvesternacht gefährlich geworden wären. An erster Stelle steht dabei das, was wohl bei vielen Leuten als das Symbol für Y2K schlechthin gegolten hat: Ausfälle von "embedded systems", und da wiederum - als absolutes Scheckgespenst - grossflächige und längerdauernde Stromausfälle deswegen.

Wofür hat z.B. die US-Regierung eigens ein Y2K-Kommando-Zentrum eingerichtet, für die Riesensumme von 50 Millionen Dollar? Um den Firmen zuzusehen, wie sie am ersten Arbeitstag Probleme beim Starten ihrer PC's bekommen? Nein, ich glaube, es ist ziemlich klar, es ging vor allem um die Infrastruktur, mit dem Strom als wichtigstem Element.

Wir wir unterdessen alle wissen, war das ein Riesenschlag ins Wasser. Die Infrastruktur hat gehalten - überall auf der Welt, in den bestvorbereiteten Ländern und interessanterweise selbst in den hintersten Winkeln dieser Erde, wo noch kaum jemand etwas von Y2K gehört hat.

Anders als bei Problemen mit "normalen" Computersystemen, bei denen eine Firma wochenlang den Deckel draufhalten kann, wenn sie sich Mühe gibt, kann man beim Strom nicht mogeln. Entweder er fliesst oder er fliesst nicht, und wenn nicht, merkt man es.

Hier gilt deshalb mein Hinweis von gestern, dass Geduld belohnt wird, nicht. Die Sache mit den "embedded systems" ist gelaufen. Die Gefahr war keine. Beweis liegt vor: die weltweit fast völlig problemlose Silvesternacht.

Es stellt sich genau hier eine wichtige Frage: Wie kam diese krasse Fehlbeurteilung des Risikos bei den "embedded systems" zustande?

Siehe hierzu auch folgende zwei Usenet-Postings von Cory Hamasaki: http://www.deja.com/getdoc.xp?AN=568428937&fmt=text und http://www.deja.com/getdoc.xp?AN=567537876&fmt=text.

Es wird interessant sein, wie sich "embedded systems"-Spezialisten zu dieser Frage äussern werden.

 
Montag, 10. Januar 2000 Geduld  

Wer sich wie ich dafür interessiert, ob und wie es mit dem Jahr-2000-Phänomen weitergeht, braucht im Moment vor allem eines: Geduld.

Jetzt, da die grosse unmittelbare Katastrophe, beginnend schon in der Silvesternacht, definitiv abgesagt ist, dauert alles seine Zeit. Auch wenn ich lieber heute als morgen wissen möchte, ob da noch was kommt, und wenn ja wieviel, lässt sich einfach nichts erzwingen.

Geduld hingegen wird belohnt. So lassen sich z.B. dank Artikeln, die am Freitag erschienen sind, zwei Probleme jetzt zufriedendstellend dokumentieren und vom Status eines blossen Gerüchts erlösen:

In der Verarbeitung von Zahlungen per Kreditkarte gibt es ein Problem, das Tausende von Visa- und Mastercard-Kunden weltweit betrifft. Das Problem liegt dabei nicht bei den Kreditkartengesellschaften selbst, sondern bei einer Software, die insgesamt bei mehr als 100'000 Vertrags-Händlern installiert ist:

Anstatt eine Zahlung nach der Uebermittlung an Visa oder Mastercard zu löschen, wird sie 24 Stunden später nochmals übermittelt - und so weiter, jeden Tag, bis man manuell eingreift. Ich vermute, die Zahlungen werden nicht unmittelbar nach Uebermittlung gelöscht, sondern zeit- und datums-gesteuert einmal pro Tag, und eben dieser Programmteil scheint einen Y2K-Bug derart zu haben, dass die Zahlungen nicht als zu löschend erkannt werden.

Siehe http://www.latimes.com/news/reports/millennium/y2k/20000106/t000001994.html

Das zweite Problem, auf das mich ein Y2K-Kollege aufmerksam machte, betrifft die Berliner Feuerwehr: Ausgerechnet in jener kritischen Silvesternacht kam es zu einer Panne mit einem wichtigen Computersystem in der Feuerwehrleitzentrale.

Die Feuerwehr konnte zwar auf ein älteres System ausweichen, um ihre zahlreichen Einsätze in jener Nacht zu managen und zu koordinieren, aber trotzdem liess sich nicht vermeiden, dass es zu Verzögerungen kam und Löschfahrzeuge zum Teil mit rechter Verspätung am Einsatzort ankamen.

Wie man unter http://www.feuerwehr-berlin.de/news/einsaetze.html nachlesen kann, war schon ziemlich was los, denn insgesamt bekämpfte die Feuerwehr zwischen 00:00 und 05:00 Uhr rund 800 Brände und transportierte rund 500 Personen. Man kann wohl froh sein, hat sich das Jahr-2000-Problem nicht auch noch gezeigt in jener Nacht.

Einen ausführlichen Artikel zu dieser Sache findet man unter http://archiv.berliner-morgenpost.de/bin/bm/e?u=/export/home/netscape/docsroot/contents/bm/archiv2000/000107/berlin/story21354.html

Wie sich mit einem Artikel vom November 1999 unter http://www.zitty.de/99/stories/millebug.htm belegen lässt, hat die Berliner Feuerwehr erst etwa im August 1999 begonnen, sich mit möglichen Jahr-2000-Problemen ihrer Systeme zu beschäftigen.

Schön finde ich, dass das Problem mit dem Computersystem um 00:04 Uhr bemerkt wurde. Das ist ja schon fast gut für einen Jahr-2000-Witz: "Fragt der eine Programmierer den anderen: Hast Du eine Ahnung, was für ein Problem das sein könnte, wenn ein Computersystem am 1.1.2000 um 00:04 zu spinnen beginnt? Denkt der andere Programmierer etwas nach und sagt dann: Keine Ahnung."

 

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