Das Jahr-2000-Phänomen: Archiv Woche 5/2000

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Archiv der Woche 5/2000 (31. Januar bis 4. Februar 2000)

Hier finden sich folgende Tages-Einträge:

Freitag, 4. Februar 2000 Alan Dechert und das Jahr 0
Donnerstag, 3. Februar 2000 Ruf der Informatiker?
Mittwoch, 2. Februar 2000 Argumente für das Nicht-Ereignis
Dienstag, 1. Februar 2000 ISO 9000
Montag, 31. Januar 2000 Schon wieder Umfragen
 
Freitag, 4. Februar 2000 Alan Dechert und das Jahr 0 Vortag

So, was haben wir denn noch für das Ende dieser Woche? Nicht allzu viel. Die Meldungen von Jahr-2000-Phänomenen sind im Moment nicht mehr so dicht gestreut, und die besten, die mir diese Woche untergekommen sind, habe ich bereits gemeldet.

Ich habe aber etwas eher Kurioses zu berichten von einem gewissen Alan Dechert, einem fleissigen Poster in comp.software.year-2000. Er hatte sich schon vor einiger Zeit eine recht originelle Lösung des Jahr-2000-Problems ausgedacht: Man beginnt mit der Jahreszählung wieder von vorne, und diesmal gleich richtig, nämlich beim Jahr 0.

Er hat eine ganz nette Website hierzu mit einem eigenen, passenden Domain-Namen, unter http://www.go2zero.com/.

Ich fand das ganze von Anfang an eine ziemliche Schnappsidee, muss aber sagen, dass ich mittlerweile einen gewissen Respekt habe vor dem Elan und der Ernsthaftigkeit, mit der Alan Dechert auch jetzt noch im Jahr 2000 weitermacht und sich nicht unterkriegen lässt von all den hämischen Kommentaren, die er - wie man sich ja denken kann - erhält.

Haben nicht die meisten Visionäre so angefangen? Kaum verstanden von ihren Mitmenschen, ausgelacht oder sogar verhöhnt? Man muss meiner Meinung nach schon etwas vorsichtig sein, denn gelegentlich liegt es nicht an den Visionen, dass man sie für eine Schnappsidee hält, sondern an der Begrenztheit des eigenen Denkvermögens.

 
Donnerstag, 3. Februar 2000 Ruf der Informatiker? Vortag

Mein Jahr-2000-Phänomen für heute: Der "PMI" für den Januar 2000 wurde bekanntgegeben. Dies ist eine Zahl, die Auskunft darüber gibt, wieviele Rohmaterialien und Einzelteile die Produktionsbetriebe im gesamteuropäischen Raum eingekauft haben. Es gab eine Ueberraschung: Die Zahl war niedriger als allgemein erwartet.

Die wahrscheinliche Erklärung: Die Betriebe haben im Januar weniger als erwartet gekauft, weil ein merklicher Teil von ihnen erst einmal Material-Vorräte abbaute. Tja, und warum haben wohl die Betriebe in den letzten Monaten 1999 mehr Materialen gekauft als unmittelbar nötig für die normale laufende Produktion? Was könnte das für ein Phänomen sein? Wollten sich die Betriebe vielleicht gegen mögliche Probleme absichern? Seltsam, da waren doch gar keine möglichen Probleme, oder?

Dass ich diese Geschichte zuerst in der "Times of India" unter http://www.timesofindia.com/today/02busi29.htm lese, ist auch fast ein Phänomen für sich.

Ich habe mir im Laufe von fast 2 Jahren Tagebuch viele Gedanken gemacht darüber, was die Folgen von Y2K wahrscheinlich für Auswirkungen haben werden auf den Ruf den Informatiker, ja vielleicht sogar auf ihr zukünftiges Schicksal. Als Pessimist und mit der Annahme ziemlich schlimmer Folgen von Y2K sah ich da naturgemäss wenig Gutes auf mich und meine Berufsgenossen zukommen.

Meine diesbezüglichen Befürchtungen habe ich im Eintrag vom 21. August 1998 festgehalten. Sie haben sich nicht bewahrheitet: Mangels Folgen von Y2K braucht es auch keine Sündenböcke, und die Bevölkerung geht nicht auf die Informatiker los wie damals die muslimische Mehrheit in Indonesien auf die chinesische Minderheit im Land.

Am 7. Oktober 1999 habe ich von einer Argumentation berichtet, warum es den Informatikern schlecht ergehen könnte, selbst wenn Y2K harmlos herauskommt: Die Hunderte von erfolgreichen Jahr-2000-Projekte haben bewiesen, dass man auch Informatik-Projekte fristgerecht abschliessen kann, wenn sich die Leute etwas Mühe geben. Wehe, die Informatiker kehren zu den "üblichen" Verspätungen zurück im Jahr 2000!

Nun, es ist vielleicht etwas früh, hier Entwarnung zu geben, aber auf jeden Fall hat es diese Argumentation bisher nicht ins Rampenlicht der Oeffentlichkeit geschafft - niemand scheint davon zu sprechen.

Gleich nach dem Jahreswechsel sah es einige Tage lang so aus, als könnte eine Protestwelle gegen die Informatiker losgehen, mit dem Argument, man habe den Firmen viel zu viel Geld ausgerissen oder sie zumindest zu viel zu grossen Ausgaben verleitet für ein so harmloses Problem wie Y2K.

Aber auch diese Protestwelle scheint verschwunden zu sein, noch bevor sie richtig Fahrt aufgenommen hat.

Mal etwas positiv gedacht könnte es ja auch sein, dass die Leute den Informatikern dankbar sind, dass sie erfolgreich eine so grosse Gefahr abgewendet haben. Aber auch das soll wohl nicht sein.

Eine ziemlich lange Reihe nicht eingetretener möglicher Folgen!

Mir scheint im Moment, die Sache mit Y2K und dem Ruf der Informatiker nimmt einen ganz anderen und - zumindest für mich - überraschenden Ausgang: Den Leuten ist Y2K so was von egal, dass die Folgen von Y2K auf den Ruf der Informatiker gegen Null tendieren.

 
Mittwoch, 2. Februar 2000 Argumente für das Nicht-Ereignis Vortag

Zwei Jahr-2000-Phänomene heute: Ein Vielleicht-Jahr-2000-Phänomen der Deutschen Telekom, die kürzlich an etwa 50 Handy-Besitzer jeweils gleich Hunderte von Mahnungen verschickte (siehe http://www.heise.de/newsticker/data/cp-29.01.00-001/, mit Gruss an den Webmaster von http://2000.klug-suchen.de/ für den Tipp), und eine ganz interessante Site, die Reports von Jahr-2000-Phänomenen sammelt und unter http://www.ciaosystems.com/glitchcentral.htm#1 eine hübsche Grafik der Häufigkeit über die Zeit hat, bei der man ins Spekulieren kommt, ob in Sachen Y2K doch noch einiges bevorstehen könnte.

Und nun zu einer Sache, die mich irgendwie fasziniert hat, und die am 16. Januar 2000 mit dem Usenet-Posting unter http://www.deja.com/getdoc.xp?AN=573409374&fmt=text ihren Anfang nahm.

Darin fragte ein gewisser Larry Sanger nach Beispielen von Dokumenten aus der Zeit vor dem 1.1.2000, die im Internet irgendwo zur Verfügung stehen und in denen argumentiert wird, warum Y2K wahrscheinlich nur sehr geringe Auswirkungen haben würde.

Larry Sanger ist in "Y2K-Kreisen" kein Unbekannter. Er hat lange eine sehr gute Website zum Thema geführt, die immer noch unter http://www.sangersreview.com/ als Archiv zur Verfügung steht.

In seinem Posting legte er besonders Gewicht auf Argumentation. Beispiele, wo Leute einfach die Meinung vertreten hatten, Y2K werde wohl nicht so schlimm, sind ganz einfach zu Dutzenden zu finden. Aber echte Argumentationen mit möglichst stichhaltigen Ueberlegungen sind eine ganz andere Sache.

Es ging Sanger dabei um die Frage, ob die Optimisten den besseren Durchblick und das bessere Verständnis von Y2K gehabt haben, oder ob sie einfach auf den richtigen Ausgang der Sache getippt haben - im Gegensatz zu den Pessimisten, die sich eben vertippt haben.

Dieses Posting hat den wohl längsten Thread ausgelöst, den es in comp.software.year-2000 seit Neujahr gegeben hat, mit insgesamt 111 Postings, wie man unter http://x34.deja.com/viewthread.xp?AN=573409374 sieht. Es muss irgendwie den Nerv gewisser Leute voll getroffen haben - die Antworten waren teilweise einfach sagenhaft.

Sangers Posting wurde z.B. mit der Begründung zurückgewiesen, er solle nicht so faul sein, nicht andere Leute seine Hausaufgaben machen lassen und gefälligst selber nach seinen Dokumenten suchen. Eine Haltung, die meiner Meinung nach ein völliger Witz ist, denn Sanger hatte 1998 und 1999 wohl Hunderte Stunden Freizeit aufgewendet, um seine Website zu führen, mit fast täglichem Update.

Von anderen Leuten wurde er attackiert, er wolle sich ja nur rechtfertigen: Er sei ein Pessimist gewesen und damit komplett auf dem falschen Dampfer, und versuche nun verzweifelt, seinen angeknacksten Ruf wieder etwas aufzumöbeln. Auch eine seltsame Ueberlegung, denn mit jeder guten Argumentation mehr, die die Optimisten auf seinen Aufruf hin einschicken, aus der schlaue Leute die "Wahrheit" hätten erkennen müssen, würde ja Sanger dümmer dastehen.

Viele Poster hatten den Sinn der Sache irgendwie nicht verstanden und brachten Postings mit Aussagen wie "Aber ich hab es schon damals gewusst" oder "Es war doch völlig klar, dass ..." - ohne handfeste Argumente weit und breit.

Ich glaube, ich habe alle 111 Postings gelesen. Ein paar Denkanstösse waren zwar darunter, bei denen ich sagen musste, doch, dass hätte mich veranlassen können und sollen, damals meine Meinung in Sachen Y2K zu überdenken. Aber insgesamt ist die Ausbeute doch recht mager. Dass die Optimisten wirklich den grösseren Durchblick hatten und insgesamt einfach schlauer waren als die Pessimisten, zeigt diese Diskussion für mich nicht.

Ich werden in weiteren Tagebucheinträgen noch auf die Frage zurückkommen: Gab es gewichtige und zu wenig gewürdigte Argumente dafür, dass Y2K und insbesondere der Jahreswechsel ein solch frappantes Nicht-Ereignis wird?

 
Dienstag, 1. Februar 2000 ISO 9000 Vortag

Willkommen im Februar! Ich bin noch da, und einige von Ihnen offensichtlich auch, denn sonst würden Sie das hier nicht lesen. Ich freue mich, Ihnen zur Feier des Beginns des zweiten Monats im Jahr 2000 ein Jahr-2000-Phänomen präsentieren zu können, das zum Monatswechsel passt: ein Problem mit einem Lohnzahlungs-System.

Tausende von Schul-Angestellten in Toronto erhalten keinen Lohn oder nur einen Teil davon seit Anfang Jahr, und es kann gut sein, dass es noch bis Mitte Februar geht, bis der regelmässige Zahlungsrhythmus wieder hergestellt werden kann. Siehe http://www.thestar.com/back_issues/ED20000130/news/20000130NEW01d_CI-WAGE.html.

Und nun möchte ich einen Gedanken loswerden, der schon sehr lange bei mir auf der Warteliste für einen Tagebucheintrag steht, aber bisher einfach nie drankam.

Sie kennen wahrscheinlich auch das "Qualitätsmanagement-System nach ISO 9000". Dieses System hat einen recht grossen Einfluss gehabt. Sehr viele Firmen sind nach diesem System zertifiziert und lassen das die Oeffentlichkeit auch wissen, weil das als Qualitätsmerkmal und Wettbewerbsvorteil gegenüber nicht zertifizierten Firmen verstanden wird.

Wenn man sich eine Beschreibung des Systems wie etwa unter http://www.kconsult.de/info/ISO9000.htm anschaut, sieht man, worum es hauptsächlich geht: um das Etablieren einer Qualitätssicherung in einer Firma, um sicherzustellen, dass die Produkte die durch Kunde, Gesetz und Normen an sie gestellten Anforderungen erfüllen.

Nun eine ganz naive Frage meinerseits: Warum fand die Forderung nach Jahr-2000-Fähigkeit nicht Eingang in die ISO-9000-Norm? Wäre das nicht eine Anforderung gewesen, die von so vielen Kunden an so viele Produkte hätte gestellt werden sollen, dass die ISO dies in der Norm gleich hätte vorwegnehmen müssen?

Und es geht ja nicht nur um die Produkte, sondern auch um die Systeme, die die fragliche Firma einsetzt. Wie soll eine Firma irgendwelche Qualitätsstandards gewährleisten können, wenn sie im Jahr 2000 wegen nicht-jahr-2000-fähiger Systeme gar nicht mehr richtig funktioniert?

"Qualitätssicherung" und Jahr-2000-Problem gleichzeitig ist doch ein Witz, oder etwa nicht?

Ich weiss nicht, ob im Moment wieder irgendeine Normbehörde dabei ist, irgendwelche neue Normen festzulegen und dabei auf dem besten Weg ist, einen ähnlich dicken Hund wie Y2K nicht zu berücksichtigen. Ich hoffe nur, das man aus Y2K Lehren gezogen hat und darum so etwas unwahrscheinlich geworden ist.

 
Montag, 31. Januar 2000 Schon wieder Umfragen  

Mein Phänomen zum Start der Woche - unklar, ob Y2K oder nicht - ist ein Problem bei der NSA, der "National Security Agency", dem US-Geheimdienst. Vor einer Woche gab es da einen Absturz eines Spionage-Systems, der so gravierend war, dass die NSA fast 3 Tage brauchte, um die ganze Sache wieder hochzufahren. Gewisse Dinge mussten sogar neu installiert werden auf den entsprechenden Rechnern. Siehe http://cnn.com/2000/US/01/29/nsa.computer/index.html.

Gerüchteweise wird vom schwersten derartigen Problem gesprochen, dass es bei der NSA je gegeben hat. Schon sehr schade, dass wir wahrscheinlich nie wissen werden, ob Y2K daran beteiligt war oder nicht.

Die NSA ist federführend beim Betrieb des weltweiten Abhörsystems ECHELON. Ein Poster in comp.software.year-2000 kommentierte den Absturz wie folgt: "ECHELOFF".

Um Mitte Januar herum war eine Umfrage unter etwa 1100 britischen Firmen veröffentlicht worden. Dabei kam man zum Resultat, dass etwa 7% dieser Firmen von konkret nach dem 1.1.2000 aufgetretenen Jahr-2000-Problemen betroffen waren. Siehe http://www.garynorth.com/y2k/detail_.cfm/7166.

Ich fand damals diese Umfrage keinen Kommentar wert, einerseits wegen einer gewachsenen Skepsis gegenüber Umfragen, andererseits wegen der geringen Zahl an betroffenen Firmen.

Dann allerdings las ich unter http://www.computerweekly.co.uk/cwarchive/news/20000127/cwcontainer.asp?name=E1.html (einem Artikel, der leider erst nach einer kostenlosen Registrierung zu lesen ist) von einer ähnlichen, in den USA durchgeführten Umfrage mit doch etwas anderen Zahlen:

Man kam in den USA zum Resultat, dass 25% aller Firmen von Jahr-2000-Problemen nach dem 1.1.2000 betroffen waren. 40% dieser Probleme waren jeweils nach 10 Tagen immer noch nicht behoben. 56% der Probleme waren "unerwartet".

Es ist mir leider nicht gelungen, einen Artikel mit weiteren Informationen über diese Umfrage zu finden.

Was soll ich nun davon halten? Gab es in den USA tatsächlich dreimal mehr Probleme als in Grossbritannien? Oder scheuen sich die Briten nur mehr als die Amerikaner, Probleme zuzugeben? Oder hat sogar diese US-Umfrage so gar nie stattgefunden und der angegebene ComputerWeekly-Artikel ist irreführend? Ich weiss es nicht.

 

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