Das Jahr-2000-Phänomen: Archiv Woche 6/2000

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Archiv der Woche 6/2000 (7. Februar bis 11. Februar 2000)

Hier finden sich folgende Tages-Einträge:

Freitag, 11. Februar 2000 Glück gehabt
Donnerstag, 10. Februar 2000 Staatliche Jahr-2000-Verantwortliche?
Mittwoch, 9. Februar 2000 Brühl
Dienstag, 8. Februar 2000 Argumente dagegen II: Embedded Systems
Montag, 7. Februar 2000 Der Schalttag
 
Freitag, 11. Februar 2000 Glück gehabt Vortag

Einem Leser verdanke ich den Hinweis auf eine Sache in St. Gallen hier in der Schweiz, die ich zum Anlass nehme, wieder mal ein bisschen über Y2K zu plaudern:

Einer der zentralen Server der Stadtverwaltung von St. Gallen, auf dem eine Vielzahl Applikationen laufen, eine grosse Menge von Daten gespeichert sind, und an den etwa 100 Anwender angeschlossen sind, ist vor über einer Woche ausgefallen und konnte bis jetzt nicht wieder in Betrieb genommen werden.

Laut dem Artikel unter http://www.tagblatt.ch/archiv/templates/a_aktu.cfm?pass_jahr=2000&pass_monat=02&pass_tag=09&pass_id=367920 läuft auf dem Server auch schon eine Woche lang ein "Selbstreparaturlauf" - ich wusste gar nicht, dass es so etwas überhaupt gibt: Grossrechner-Analogon zu "CHKDSK", das eine Woche lang läuft? Was es nicht alles gibt.

Der für mich wichtigste Einzelaspekt an dieser Sache ist derjenige, dass man anlässlich der jetzigen Probleme entdeckt hat, dass der Backup falsch konfiguriert war und man deshalb von etwa der Hälfte aller Daten über gar keine Kopien verfügt. Sollte die Selbstreparatur nicht gelingen - was offenbar im Bereich des Möglichen liegt - steht eine äusserst mühsame und kostspielige Rekonstruktion grosser Datenbestände bevor.

Sie mögen sich fragen, wo da wieder mal der Zusammenhang mit Y2K sein soll. Vielleicht habe ich wirklich "ne Ecke ab", wie man hier bei uns sagt, dass ich überall solche Zusammenhänge sehe, aber hier mein diesbezüglicher Kommentar:

Nach meiner Vermutung haben sich die St. Galler nicht oder nicht ausreichend auf Y2K vorbereitet. Hätten sie es getan, wäre im Rahmen der Vorbereitung die Sache mit dem Backup, der falsch läuft, entdeckt worden. Vielleicht wäre sogar eine Notfall-Planung vorhanden, die z.B. basierend auf Ausdrucken der wichtigsten Daten ein Weiterarbeiten auch bei einem längerdauernden Server-Ausfall ermöglichen würde.

Ich spekuliere mal, dass es trotz Y2K-Bedrohung und auch nach Y2K viele Aemter und Betriebe gibt, die immer noch ähnlich wie St. Gallen ohne Netz und doppelten Boden über dem Abgrund jonglieren mit ihrer Informatik, und die ziemlich dumm aus der Wäsche geguckt hätten, wenn Y2K tatsächlich nennenswerte Folgen gehabt hätte.

Ich bezeichne das als Glück. Oder, mit einem Zitat von Y2K-Kollege Steinitz, der seine Website unter http://www.enrg.net/2000/ wie ich auch noch ein bisschen weiterführt: "Die Welt hat einen Sechser im Y2K-Lotto gehabt".

Nicht Glück in dem Sinne, dass jetzt nichts passiert, obwohl etwas passieren sollte, weil die Leute nur dank Glück nicht auf die Fehler stossen. Nein, ich meine es in dem Sinne, dass sehr viele Leute von Glück reden können, dass Y2K fast nur harmlose Folgen gehabt hat: Sie wären nämlich sonst dagestanden wie jetzt die St. Galler.

 
Donnerstag, 10. Februar 2000 Staatliche Jahr-2000-Verantwortliche? Vortag

Mein Jahr-2000-Phänomen für heute: In Santa Fe in den USA bekamen Hunderte von Kunden der städtischen Wasserwerke eine Rechnung zugeschickt mit hohen Beträgen, die zur Zahlung fällig seien, zusammen mit der Drohung, das Wasser werde abgestellt, wenn die Rechnung nicht innerhalb einer kurzen Frist bezahlt werde. Grund hierfür waren Fehler im Programm für das Generieren der Rechnungen.

Aus dem Artikel unter http://www.abqjournal.com/news/1water02-08-00.htm wird nicht klar, ob es sich um ein Jahr-2000-Problem handelt, aber auf jeden Fall musste das Vorgänger-Programm wegen Y2K abgelöst werden. Man könnte also mindestens von einem indirekten Jahr-2000-Problem sprechen - ohne Y2K und dem neuen Programm deswegen hätte es schliesslich keinen Aerger gegeben.

Zum Thema: Ich war immer sehr kritisch eingestellt gegenüber staatlichen Jahr-2000-Verantwortlichen wie "Mister 2000" Grete hier in der Schweiz oder Koskinen in den USA. Mich liess einfach der Verdacht nicht los, diese Leute hätten - unter anderem - den klaren Auftrag von den jeweiligen Regierungen, die Bevölkerung ja nicht zu beunruhigen, und hätten in der Befolgung dieses Auftrags gewisse Informationen nicht veröffentlicht oder zumindest verharmlosend dargestellt.

Wie ich am 19. Januar 1999 argumentiert habe, ist es in wichtiger Weise vom Ausmass der drohenden Gefahr abhängig, ob eine solchermassen zurückhaltende Informationspolitik eine gute Sache oder eine sehr schlechte Sache ist. Wenn man die Leute nämlich bei einer echten grossen Gefahr im Dunkeln lässt, beraubt man sie der Möglichkeit, sich vorzubereiten, und lässt sie quasi ins blanke Messer rennen, wenn die Sache tatsächlich schiefgeht.

Nun, wie sehe ich diese Sache rückwirkend? Ich halte es mittlerweile für eher unwahrscheinlich, dass in einem grossen Umfang schlechte Y2K-Nachrichten zurückgehalten wurden. Die Annahme vieler schlechter "geheimer" Y2K-Nachrichten damals verträgt sich schlecht mit den wenigen jetzt aufgetauchten konkreten Problemen.

Gemäss meiner damaligen Argumentation über die Bombe in der Disco hätte ich vielleicht an Stelle von Herrn Grete eine Panik riskiert und eventuell auch ausgelöst, ohne dass deren Folgen durch eine konkrete drohende Gefahr zu rechtfertigen gewesen wären.

Unter http://www.garynorth.com/y2k/detail_.cfm/7191 findet man übrigens ein sehr ausführliches und interessantes Interview mit John Koskinen, das eine Menge Hintergrundinformationen aus seiner Sicht liefert und damit zu meinem heutigen Thema passt.

Habe ich jetzt Glück gehabt, dass ich nicht an der Stelle von Herrn Grete war, oder hatte Herr Grete Glück, dass Y2K tatsächlich harmlos herausgekommen ist? Wir werden es nie wissen!

 
Mittwoch, 9. Februar 2000 Brühl Vortag

Sehr wahrscheinlich haben Sie wie ich vom Zugunglück in Brühl vor einigen Tagen schon gehört. Aber kennen Sie schon den Bezug, den es zwischen Y2K und dem Unglück gibt? Nein, nicht die Lok oder die Signale hatten ein Jahr-2000-Problem, das den Unfall verursacht hat. Der Bezug ist subtiler. Meinen Dank an den Leser aus Brühl (ist die Welt nicht klein?), der mich per e-mail auf die Sache aufmerksam gemacht hat:

Die Stadt Brühl hat sich seriös auf das Jahr 2000 und mögliche turbulente Ereignisse um den Jahreswechsel herum vorbereitet. Sie ist sogar soweit gegangen, in der Silvesternacht einen "Ernstfall" zu proben, mit Hotline, mehreren technisch entsprechend ausgerüsteten Bedienerplätzen, Koordinationsstab usw. Sie hatte auch eine Hotline für besorgte Bürger geschaltet - Nummer 79-2000, direkt ins Brühler Rathaus.

Dass jetzt der Einsatz aller Kräfte in der Unfallnacht so gut und reibungslos funktioniert hat, ist zu einem rechten Teil diesen Jahr-2000-Notfall-Vorbereitungen zu verdanken. Sogar die Hotline 79-2000, die noch nicht abgeschaltet war, konnte sofort zum Einsatz gebracht werden, als Sorgentelefon für Angehörige von Reisenden im Zug.

Man findet diese Geschichte unter http://www.rundschau-online.de/erftkreis/128045.html.

Die Welt ist bezüglich Y2K mit einem blauen Auge davongekommen - ob nun verdientermassen oder nur mit viel Glück, sei dahingestellt. Aber nur, weil wir jetzt diese Sache überstanden haben, ist noch lange nicht alles in Butter und die Welt auf dem Weg, sich in ein Paradies zu verwandeln. Dies zeigen nicht zuletzt Unfälle wie derjenige in Brühl.

Mich dünkt, diese Geschichte will mir etwas sagen. In meinen Augen wird die Welt seit einiger Zeit jedes Jahr ein bisschen gefährlicher. Wieso sollte man nicht entsprechend reagieren? Ein Grundstock an Notfallplanung kann wohl kaum schaden, aber im Ernstfall über Leben und Tod entscheiden - auch wenn Y2K nun rasch Geschichte wird.

 
Dienstag, 8. Februar 2000 Argumente dagegen II: Embedded Systems Vortag

Mein Jahr-2000-Phänomen für heute: Der "Millennium Dome" in London (siehe 4. September 1998) war nicht nur gut für die Feiern zum Jahreswechsel, sondern ist jetzt auch ein Jahr lang eine Touristen-Attraktion. Im Moment hapert es allerdings ziemlich mit dem Anziehen von Besuchern: Die kürzlich bekanntgewordenen Zahlen für den Januar liegen weit unter den Erwartungen. Siehe http://cnn.com/2000/TRAVEL/NEWS/02/04/dome.ap/index.html. Es hatten offenbar noch andere Leute Erwartungen an das Jahr 2000, die sich jetzt nicht erfüllen...

Und nun wie angekündigt eine Vertiefung des Themas vom 2. Februar 2000: Gab es gewichtige und zu wenig gewürdigte Argumente dafür, dass Y2K und insbesondere der Jahreswechsel ein solch frappantes Nicht-Ereignis wird?

Nach dem Verfolgen etlicher Diskussionen im Usenet und eigenen Rückblicken auf das Geschehen sehe ich mittlerweile schon einige Kandidaten hierfür; z.B. die Sache mit den "embedded systems", denn diese Sache war schon ein wenig seltsam.

Die Leute in der Newsgroup "comp.software.year-2000" waren zwar ein bunt gemischter Haufen mit ganz verschiedenen Fähigkeiten, aber zusammengenommen als Gruppe waren sie geradezu unschlagbar im Aufspüren von Nachrichten über Y2K. Wenn immer bereits im Vorfeld des Jahreswechsels mit einem Programm etwas schiefging, oder wo ein Programm als nicht jahr-2000-fähig erkannt wurde, waren die Chancen gut, in dieser Newsgroup zuerst davon zu hören, und manchmal sogar nur da.

Wenn es allerdings darum ging, ein konkretes Beispiel eines "embedded system" zu bringen, das im Jahr 2000 einen Fehler so produziert, dass das System nicht mehr zu gebrauchen ist und die Sache auch nicht mit einem einmaligen Reset getan ist, sah es ganz anders aus. Bis auf wenige Ausnahmen herrschte hier schlicht und einfach gähnende Leere.

Es mag Ihnen vielleicht seltsam vorkommen, dass ich dieser Tatsache heute ein hohes Gewicht zumesse, wo es sich doch bei den Beteiligten nicht um Fachleute gehandelt hat. Auf der anderen Seite muss man aber wirklich bedenken, dass hier eine Menge Pessimisten eine Menge Zeit und Energie darauf verwendet haben auf den Versuch, den Optimisten die Realität der "embedded systems"-Krise zu beweisen.

Und es ist ja nicht so, dass wenigstens die Artikel der Fachleute mit Beispielen brilliert hätten, ganz abgesehen davon, dass die Leute im Usenet diese sofort aufgegriffen hätten. Auch bei den Fachleuten gab es - rückblickend betrachtet - verdächtig wenig konkrete Beispiele.

Es stimmt schon, es sind eine unglaublich grosse Zahl von "embedded systems" auf der Welt im Einsatz. Wenn man allerdings diejenigen abzählt, die nichts mit Datum am Hut haben, diejenigen, die nach einmaligem Reset wieder richtig laufen und diejenigen, die zwar Fehler produzieren, aber bei denen diese Fehler beherrschbare Konsequenzen haben, bleibt verdammt wenig übrig.

Ich sehe das mittlerweile als gesicherte Erkenntnis, denn sie ist praktisch bewiesen durch den fast problemlosen Jahreswechsel. Natürlich gibt es Beispiele von Medizingeräten, die man jetzt aus dem Verkehr ziehen muss oder die längst ersetzt sind; die Frage nach dem Grund der Krise in der Erdöl-Branche ist noch offen; das eine oder andere "embedded system" wird wohl erst Monate nach dem Jahreswechsel beginnen, Aerger zu machen; und, ja, auch das eine oder andere Versagen wird unter dem Deckel gehalten und dringt nicht bis an die Oeffentlichkeit durch.

Aendert alles nix: Es gibt keine "embedded systems"-Krise, und ich sage mir heute, das hätte man erahnen können. Es gab Anzeichen dafür, dass das so ist.

 
Montag, 7. Februar 2000 Der Schalttag  

Kleiner Nachtrag zur Sache vom Freitag: Alan Dechert hat sich bei mir gemeldet und mich darauf aufmerksam gemacht, dass sein Vorschlag nicht als Lösung für das Jahr-2000-Problem gedacht war bzw. ist. Ich habe auf seiner Website nachgeschaut, und tatsächlich: meine Fehlinterpretation. Aendert aber wohl nichts daran, dass sein Vorschlag ziemlich quer in der Landschaft liegt.

Mein Jahr-2000-Phänomen für heute: Apple war immer - zu Recht, wie ich meine - stolz darauf, dass Hardware und Betriebssysteme ihrer Macintosh-Rechner keine Jahr-2000-Probleme aufweisen, und auch die meisten darauf laufenden Applikationen nicht. Das hat allerdings nicht verhindert, dass in der Firma Apple intern trotzdem einige Jahr-2000-Probleme aufgetaucht sind - siehe http://de.news.yahoo.com/000202/33/j4ww.html.

Da kommt doch fast ein wenig Schadenfreude auf...

Und nun möchte ich eine Sache abhaken, einfach, damit sie abgehakt ist. Es geht um den näherrückenden Schalttag am 29. Februar.

Es hat bereits einige Artikel gegeben darüber, dass vielleicht einige Programme am 29. Februar noch ein verspätetes Jahr-2000-Problem entwickeln könnten, weil sie 2000 nicht als Schaltjahr erkennen und somit mit dem 29. Februar nichts anfangen können.

Vor über eineinhalb Jahren habe ich bereits einmal über den 29. Februar geschrieben - siehe 18. Juni 1998. Zu dem damals Geschriebenen kann ich heute noch stehen: Ich glaube, die Chancen sind sehr klein, dass viel passieren wird.

Gegenüber damals habe ich in dieser Sache eigentlich nur eine Erkenntnis dazugewonnen: Wenn ein Programm mit zweistelligen Jahreszahlen rechnet, und im Bewusstsein programmiert worden ist, dass die Zahlen die Jahre 1900 bis 1999 bedeuten sollen, und punkto Schaltjahre konsequent programmiert wurde, dann behandelt dieses Programm das Jahr 00 nicht als Schaltjahr, denn 1900 war ja keines.

Hat man nun diesem Programm dank Windowing (siehe 13. April 1998) einige weitere Jahre Betrieb ermöglicht, kann es sein, dass zwar jetzt 00 schön als 2000 behandelt, aber nicht als Schaltjahr erkannt wird, weil man vergessen hat, die Schaltjahr-Logik ebenfalls anzupassen.

Wenn Sie übrigens diese ganze Schaltjahr-Sache mit den Teilbarkeits-Regeln verwirrlich finden, kann ich Ihnen sagen: Das ist noch gar nichts. Schauen Sie sich einmal an, was die Mayas in Südamerika sich damals für einen Kalender ausgeheckt hatten, z.B. unter http://hermetic.nofadz.com/cal_stud/maya/chap1g.htm oder http://home.t-online.de/home/dietrich.beitzke/mayacal.htm.

Aber trotzdem: Man kann nur staunen, dass die Mayas schon damals die exakte Länge eines Jahres auf 2 Zehntausendstel genau kannten, während unser Kalender eine Abweichung von der exakten Länge um 3 Zehntausendstel ergibt.

 

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