Das Jahr-2000-Phänomen: Archiv Woche 7/2000

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Archiv der Woche 7/2000 (14. Februar bis 18. Februar 2000)

Hier finden sich folgende Tages-Einträge:

Freitag, 18. Februar 2000 12 Mal bezahlen
Donnerstag, 17. Februar 2000 Goodbye, North and Milne?
Mittwoch, 16. Februar 2000 Azerbaijan
Dienstag, 15. Februar 2000 Die Rolle des Internet
Montag, 14. Februar 2000 Argumente dagegen III: Rücktritte
 
Freitag, 18. Februar 2000 12 Mal bezahlen Vortag

Ich habe gestern die Frage in den Raum gestellt, wie es wohl mit den Millenniums-Reisen herausgekommen wäre, wenn Y2K nicht wie ein Schatten über allem gelegen hätte. Nun, vielleicht kann man einen konkreten Hinweis darauf entnehmen aus der Situation auf den Heiratsmarkt in den USA.

Ich hatte schon am 28. Januar 2000 berichtet über einen Artikel, der die grosse Zahl der für dieses Jahr vorgesehenen Heiraten zum Thema hatte. Ich habe weitere interessante Informationen über dieses Phänomen gefunden in einem Artikel unter http://www.dailysouthtown.com/southtown/dsliving/151ld1.htm. So war es schon vor einem Jahr schwierig, einen Termin und eine gute Lokalität zu finden für eine Heirat dieses Jahr.

Es tröstet mich ein wenig: Ich war ein lautstarker Jahr-2000-Pessimist und bin damit ziemlich auf die Nase gefallen. Die Sache mit den Reisen interpretiere ich allerdings so, dass es eine Menge stiller Jahr-2000-Pessimisten gegeben haben muss. Vielleicht ärgern sich die jetzt, dass sie die Reise ihres Lebens nicht gemacht haben wegen - ja, wegen was eigentlich?

Zu guter Letzt noch dies: Vielleicht doch nicht so dumm, dass Sie über Silvester und Neujahr zu Hause geblieben sind. Gewissen Kunden, die an diesen Tagen in einem Restaurant in Baltimore assen und mit Kreditkarte bezahlten, ist der Rechnungsbetrag wieder und wieder belastet worden, bis zu 12 Mal. Siehe http://www.sunspot.net/cgi-bin/gx.cgi/AppLogic+FTContentServer?section=cover&pagename=story&storyid=1150230202204 oder http://www.deja.com/getdoc.xp?AN=586418461&fmt=text.

 
Donnerstag, 17. Februar 2000 Goodbye, North and Milne? Vortag

Mein Jahr-2000-Phänomen für heute: Es hatte sich schon etliche Wochen vor dem Jahresende ziemlich deutlich abgezeichnet, dass nichts wird aus dem erhofften grossen Geschäft mit dem Millenniums-Tourismus. Jetzt ist eine konkrete Zahl zu diesem Thema da, vom britische Reiseveranstalter "Airtours".

Es entstanden Verluste, weil die Leute mit Preisnachlässen geködert werden mussten und weil Flüge nicht ausgelastet waren oder sogar abgesagt werden mussten. Airtours beziffert diese Verluste auf 15 Millionen Pfund. Siehe http://www.cnnfn.com/2000/02/16/europe/wires/airtours_wg/.

Wer der Meinung ist, die Mehrzahl der Leute habe sich sowieso nie um Y2K gekümmert oder sich darüber etwas Sorgen gemacht, denke mal über das Folgende nach: Wie hätten wohl die Leute diesen Jahreswechsel, dieses "Garantiert-nur-einmal-im-Leben-Ereignis", diesen Epochen-Wechsel begangen, und wie wären sie in Scharen in der ganzen Weltgeschichte herumgereist, wenn nicht Y2K wie ein dunkler Schatten über dem Ganzen gelegen hätte?

Im Jahr-2000-Geschehen gab es neben kleinen Fischen wie mich zwei ziemlich herausragende Pessimisten: Gary North (siehe 2. Juni 1998) und - etwas weniger bekannt, aber dafür ebenso pessimistisch - Paul Milne (siehe 15. September 1998).

Beide haben sich bezüglich Y2K arg exponiert. Sie haben mehr oder weniger den Untergang unserer technischen Zivilisation vorhergesagt für den Januar 2000, und sie haben sich auch konkret darauf vorbereitet. Beide sind in dünnbesiedelte ländliche Gebiete in den USA gezogen und haben sich eine weitgehend autarke Existenz aufgebaut.

Sie haben sich so sicher auch emotional sehr stark auf die Aeste hinausgelassen. Paul Milne hat Familie und hat mit dem Umzug auf eine Farm nicht nur sein Leben wegen Y2K ziemlich umgekrempelt, sondern auch das seiner Frau und seiner Kinder.

Was gibt es heute über diese beiden zu berichten?

Gary North hat seine berühmte Website einige Zeit über den Jahreswechsel hinaus weitergeführt, was einige Leute ziemlich überrascht hat. Sie hatten vorhergesagt, man werde sicher von North nichts mehr hören, sobald klar ist, dass er Unrecht hat. Diese Vorhersage der "Optimisten" im Usenet hat sich wie so viele Vorhersagen rund um Y2K nicht bewahrheitet.

Wenn man sich allerdings http://www.garynorth.com/y2k/latest_.cfm anschaut, scheint North inzwischen doch die Geduld oder die Lust ausgegangen zu sein: Jetzt, wo ich diese Zeilen schreibe, trägt die letzte Meldung das Datum 4. Februar.

Paul Milne war vor allem als Poster in der Newsgroup comp.software.year-2000 aktiv. Er hat sich dort auch nach dem Jahreswechsel noch einige Zeit lang zu Wort gemeldet. Mir schien, er sei - zumindest soweit sichtbar - kaum von seinem Standpunkt abgerückt und hat den Untergang nach wie vor kommen sehen, entweder durch Y2K-Folgen, die erst verzögert zuschlagen, oder durch einen furchtbaren Börsen-Crash mit anschliessender wirtschaftlicher Katastrophe.

Mir kam sein Festhalten an seiner Meinung sehr verkrampft und fast ein wenig tragisch vor, aber alles in allem ziemlich verständlich, wenn man bedenkt, was dieser Mann finanziell und emotionell alles in Y2K investiert hat.

Seit etlichen Tagen gab es kein einziges Posting mehr von Paul Milne, und es kann gut sein, dass er sich zurückgezogen hat und nie mehr melden wird.

 
Mittwoch, 16. Februar 2000 Azerbaijan Vortag

Ich habe vor drei Wochen, am 25. Januar 2000, darüber berichtet, dass es im Moment einige Seltsamkeiten auf dem Erdölmarkt gibt, bei denen man die Frage stellen könnte, ob nicht vielleicht doch irgendwelche Y2K-bedingte Probleme mit "embedded systems" eine Rolle dabei spielen.

Vor ein paar Tagen fand ich im Usenet einen Hinweis auf einen Artikel, bei dem es um Azerbaijan ging und der meine Aufmerksamkeit erregte, weil da gesagt wurde, dieses Land sei im Moment überhaupt nicht mehr in der Lage, Erdöl zu exportieren. Ich bin der Sache nachgegangen.

Den Artikel, aus dem zitiert wird, findet man unter http://infoseek.go.com/Content?arn=a0702LBY791reulb-20000207&qt=%2BReuters+%2Boil&col=NX&ak=news1486 Man liest da ganz interessante, aber auch ziemlich verwirrende Informationen:

Azerbaijan exportiert pro Jahr etwa 9 Millionen Tonnen Rohöl. Im Moment wird allerdings tatsächlich überhaupt nichts mehr exportiert, sondern alles landesintern verwendet, um in Kraftwerken Strom zu produzieren. Das Erdöl, das im Moment gefördert wird, reicht aber dafür nicht aus, so dass im Moment sogar Erdöl importiert wird. In gewissen Gegenden wird nur während 13 Stunden pro Tag Strom geliefert.

So weit, so gut, und bisher ziemlich "verdächtig".

Liest man weiter, bekommt man aber den Eindruck, dass Azerbaijan regelmässig im Winter Erdöl importieren muss, weil dann einiges mehr Strom benötigt wird als im Sommer und weil es im Land praktisch keine Anlagen zur Speicherung von grossen Mengen Erdöl zu geben scheint, die man jeweils im Winter aufbrauchen könnte.

Bleibt trotzdem noch die Frage, warum es ausgerechnet diesen Winter bisher nicht gelungen ist, die erforderlichen Mengen Erdöl zu importieren, und sich deswegen im Land langsam aber sicher eine Energie-Krise entwickelt.

Im Usenet wurde argumentiert, nach 10 Jahren praktisch kontinuierlichem Niedergang und schleichendem Infrastruktur-Verfall in den ehemaligen Teilen der Sowjetunion dürfte eigentlich gar nichts mehr überraschen, und die Situation in Azerbaijan fände sicher hierin eine ganz natürliche, Y2K-freie Erklärung.

Hier leuchtet nicht ganz ein, warum es dem Land mit all den Verträgen mit grossen Oel-Multis (siehe http://www.president.az/azerbaijan/oil.htm) nicht gelingen soll, auf einen grünen Zweig zu kommen, und warum der schleichende Zerfall ausgerechnet im Januar 2000 ein kritisches Ausmass erreicht. Siehe auch die im Posting unter http://www.deja.com/getdoc.xp?AN=584760049&fmt=text vertretene Meinung hierzu.

Alles in allem eine ziemlich undurchsichtige Sache, wenn Sie mich fragen.

 
Dienstag, 15. Februar 2000 Die Rolle des Internet Vortag

Mein Jahr-2000-Phänomen für heute ist der Beweis, dass es das WWW bereits im Jahre 1899 gegeben hat- zumindest, wenn man dieser Seite Glauben schenkt, die der Suchdienst "Hotbot" kürzlich produziert hat und die man hier archiviert findet: http://www.ciaosystems.com/url/feb8/%20Y2k.htm.

Es handelt sich hierbei nur um einen der recht zahlreichen Javascript-Y2K-Bugs, die nach mehr als einem Monat Jahr 2000 immer noch nicht alle ausgeräumt sind und selbst auf so prominenten und bekannten Sites wie Hotbot noch vorkommen.

Mit dem WWW sind wir auch schon bei meinem heutigen Thema: Das Internet und da natürlich das WWW haben eine wichtige Rolle gespielt bei Y2K. Ich weiss nicht, ob Ihnen schon bewusst ist, eine wie wichtige Rolle das war.

Das Internet war eine ausgezeichnete Quelle für viele nützliche Informationen über das Jahr-2000-Problem selbst und über die Jahr-2000-Fähigkeiten von Produkten. Ich glaube, die Durchführung von Jahr-2000-Projekten wäre um einiges schwieriger gewesen, wenn das Internet nicht als Medium zur Infomationsbeschaffung zur Verfügung gestanden hätte.

Wie ich aus den Mails einiger Verantwortlicher für Jahr-2000- Probleme entnehmen konnte, ging es dabei nicht immer nur um einzelne harte Fakten, wie etwa, ob Produkt XYZ jahr-2000-tauglich ist oder nicht, sondern auch um etwas weniger direkte, aber doch auch sehr hilfreiche Hinweise, wie etwa:

Packt man dieses Problem üblicherweise so oder so an? Sind unsere Aufwendungen etwa im Rahmen, wenn man sie mit denjenigen anderer Firmen vergleicht? Haben wir bei unserer Notfallplanung etwas Wesentliches vergessen?

Meine Arbeit hier - das Tagebuch - war überhaupt nur mit Hilfe des Internet möglich. Es ist tatsächlich so, wie Gary North mal gesagt hat: Ueber eine bestimmte Problematik einen ähnlichen Informations-Stand erreichen, wie mit Hilfe des Internet über Y2K möglich war, wäre vor dem Internet nur möglich gewesen mit Hilfe eines ganzen Stabs qualifizierter Mitarbeiter, die nichts anderes getan hätten, als den ganzen lieben Tag lang Informationen über Y2K zu beschaffen. Und natürlich hätte diese Uebung noch dazu ein Heidengeld gekostet, das ich mir sicher nicht hätte leisten können.

Man darf allerdings auch nicht die "dunkle Seite" des Internet verschweigen, wenn es um Y2K geht: Ueber kein anderes Medium ist es einfacher, in Windeseile Gerüchte über die ganze Welt zu verbreiten.

Ich habe z.B. wiederholt gesagt, dass ich das Usenet als sehr ergiebige Informationsquelle punkto Y2K genutzt habe. Dies war aber nur mit der entsprechenden Vorsicht möglich, denn da kann schliesslich jeder erst mal alles behaupten und tut das häufig auch. Ich liess manch eine Meldung links liegen und habe sie nie erwähnt in meinem Tagebuch, wenn es mir jeweils nicht gelungen ist, sie irgendwie mit Hilfe einer zweiten Quelle zu überprüfen.

So, wie das Internet vielen geholfen hat, das Jahr-2000-Problem zu bewältigen, hat es sicher auch viele Leute verunsichert oder ihnen sogar Angst gemacht und sie zu unüberlegten Aktionen verleitet. Punkto "Hype" wäre Y2K ohne das Internet wohl auch nie das geworden, was es am Schluss war.

 
Montag, 14. Februar 2000 Argumente dagegen III: Rücktritte  

Mein Jahr-2000-Phänomen für heute: Von gewissen Dingen rund um Y2K hat man schon lange nichts mehr gehört und wird wohl auch nichts mehr hören, aber gewisse andere Dinge weigern sich irgendwie, wegzugehen - zumindest bis jetzt. Dazu gehört offenbar die Sache mit den verrückten Patenten, die rund um das Jahr-2000-Problem erteilt wurden. Deren Inhaber versuchen immer noch, damit Geld zu machen - siehe http://currents.net/newstoday/00/02/11/news1.html.

Und nun zu einer weiteren Folge meiner Nachbetrachtungen, was mich im Vorfeld des Jahreswechsels hätte stutzig machen können.

Man versetze sich mal gedanklich zurück in die Zeit einige Monate vor dem Jahreswechsel und denke sich - hypothetisch - viele Firmen und Behörden in ernsten Y2K-Schwierigkeiten, wie etwa Projekte, die so hoffnungslos spät dran sind, dass bereits klar ist, dass man sie nicht wird rechtzeitig abschliessen können, oder Projekte, die aus Mangel an Fachkräften oder aus Mangel an Geld unmöglich zu schaffen sind.

Selbst wenn es den Firmen und Behörden gelingt, ihren desolaten Zustand punkto Y2K und die dadurch drohende Katastrophe gegen aussen zu verheimlichen, dürfte es doch zu etwas kommen, was einem aufmerksamen Beobachter zeigt, dass etwas nicht stimmt: zu deutlich mehr Rücktritten von Verantwortlichen und Kündigungen von Informatikern als in "normalen" Zeiten.

Mit dem drohenden Scheitern der jeweiligen Organisationen vor Augen hätten sich sicher einige Leute gesagt, es sei besser, sich in Sicherheit zu bringen, bevor es zum Knall kommt.

Diese Sache wurde im Usenet ausgiebig diskutiert, und eine Zeit lang wurde jeder Rücktritt irgendeines Politikers oder eines hohen Beamten irgendwo in den USA von gewissen Pessimisten als Zeichen gewertet, dass "die Ratten beginnen, das sinkende Schiff zu verlassen"

Rückblickend betrachtet hat sich die vorhergesagte Rücktrittswelle allerdings nie materialisiert, was man als Hinweis hätte werten können, dass es so schlimm wohl nicht stehen kann punkto Bewältigung der Jahr-2000-Probleme.

Dieses Argument kann man übrigens noch weiterziehen in die jetzige Zeit hinein, für eine Abschätzung wie folgt: Wie gross ist die Chance, dass bei Y2K das dicke Ende doch noch kommt, weil es doch an diversen Orten enorme Probleme gibt, bei denen man es lediglich geschafft hat, sie bis jetzt zu verheimlichen?

Ich würde sagen, sie ist klein, weil ich auch jetzt kaum Ratten herumrennen sehe, die von irgendwelchen Schiffen stammen könnten, die kurz vor dem Sinken sind, obwohl von aussen immer noch alles prima aussieht.

 

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