Das Jahr-2000-Phänomen: Archiv Woche 9/2000

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Archiv der Woche 9/2000 (28. Februar bis 2. März 2000)

Hier finden sich folgende Tages-Einträge:

Donnerstag, 2. März 2000 Der allerletzte Tag
Mittwoch, 1. März 2000 Ist es vorbei?
Dienstag, 29. Februar 2000 Eine verrückte Welt
Montag, 28. Februar 2000 Des Rätsels Lösung?
 
Donnerstag, 2. März 2000 Der allerletzte Tag Vortag

Als ich vor etwa 3 Jahren bei mir zu Hause einen Internet-Zugang installierte, dachte ich darüber nach, was ich mit dem einen Megabyte Platz anstelle, welches mir der Provider für eine private Homepage zur Verfügung stellte. Ich fragte mich: "Was habe ich der grossen weiten Welt zu sagen?" Die Antwort damals war, nun ja, eigentlich gar nichts.

Dann kam Y2K.

Ich habe über 2 Jahre lang praktisch jeden Werktag einen Tagebucheintrag geschrieben. Etwa 500 Einträge sind so zusammengekommen, die grösste deutschsprachige Informationssammlung zum Thema Jahr-2000-Problem ist so entstanden. Ich habe es auf 4 Fernsehauftritte, 6 oder 7 Radio-Interviews und etwa 10 Zeitungs-Artikel gebracht. Mehr als 100 Links von verschiedensten Sites her zeigen auf mein Tagebuch.

Ich habe eine treue und aktive Leserschaft, für die zu schreiben mir eine Menge Freude bereitet hat. Viele Leser schauen seit Monaten jeden Tag bei mir herein, manche schon fast so lange, wie das Tagebuch überhaupt existiert.

Und trotzdem habe ich mich dazu entschlossen, heute das Tagebuch zu beenden. Es wird bis auf Weiteres hier und auf dem Mirror als Informations-Archiv weiter zur Verfügung stehen, aber ich werde nichts mehr Neues hinzufügen.

Ich habe gestern argumentiert, dass Y2K noch längst nicht komplett ausgestanden ist. Sie mögen sich darum vielleicht fragen, ob diese Meinung nicht ein gewisser Widerspruch ist zu meinem Entschluss, mit dem Tagebuch aufzuhören.

In gewissem Sinne ja. Es gäbe sicher noch eine Menge zu schreiben über Y2K, wenn auch vielleicht nicht mehr in einem täglichen Rhythmus. Und bei Bedarf könnte man das Tagebuchs recht einfach auf thematisch verwandte Gebiete ausweiten, wie z.B. die momentan aktuellen Attacken auf prominente Websites.

Es fällt mir auf der einen Seite gar nicht leicht, aufzuhören, und ich denke, eine Menge Leser werden es schade finden. Es ist auch eine Menge Aufbauarbeit, die ich damit aufgebe ("Sie wollen eine erfolgreiche Website aufziehen? Nichts einfacher als das: Einfach ein Jahr lang jeden Tag etwas Gescheites schreiben, und voilà!") Aber auf der anderen Seite habe ich für mich entschieden, dass ich die respektable Menge an Freizeit, die ich bisher für das Tagebuch aufgewendet habe, nun anderweitig einsetze.

So, wie ich mich kenne, werde ich allerdings noch das ganze Jahr hindurch das Jahr-2000-Geschehen aufmerksam verfolgen. Wer eine Frage hat zu Y2K oder wen meine Meinung interessiert zu einem bestimmten Einzelthema, kann mir gerne eine e-mail schicken; ich bin da, wie eh und je zu erreichen unter br@megos.ch.

Wenn ich all die vielen Leute namentlich aufzählen müsste, denen ich Dank schulde für zahlreiche interessante e-mails, Faxe und Briefe mit Y2K-Artikeln, Erwähnungen und Links auf mein Tagebuch, Zur-Vefügung-Stellen von Gratis-Webspace, usw., gäbe das eine lange, lange Liste, und ich würde letzten Endes unweigerlich jemanden vergessen.

Deshalb habe ich beschlossen, hier gar niemanden namentlich zu nennen, sondern allen gemeinsam meinen herzlichen Dank auszusprechen: Leute, es hat Spass gemacht mit Euch, es war eine tolle Zeit.

Ich beschliesse das Tagebuch mit einer Aussage von Mike Adams, dem Mann hinter http://www.y2knewswire.com/:

The people never knew the risk they faced.

 
Mittwoch, 1. März 2000 Ist es vorbei? Vortag

Es ist zwar bis jetzt nichts Schlimmes bekanntgeworden an Schalttag-Fehlern, aber ich muss trotzdem wieder mal ernsthaft an meinen Fähigkeiten als Prophet zweifeln: Hätte nie gedacht, dass es mehr Meldungen über Probleme geben würde als unmittelbar nach dem Jahreswechsel. Siehe z.B. http://www.spiegel.de/netzwelt/technologie/0,1518,66901,00.html.

Ganz lustig fand ich einen Poster in comp.software.year-2000, der in etwa witzelte: "Pfft! Pfft! Weg mit dem Staub auf dem Schreibtisch im Jahr-2000-Krisenzentrum! Blick auf den elektronischen Kalender: 60. Januar 19100."

Noch einen Link: Neben der Newsgroup comp.software.year-2000 dürfte das "TimeBomb 2000"-Forum unter http://hv.greenspun.com/bboard/q-and-a.tcl?topic=TimeBomb%202000%20%28Y2000%29 einer der letzten Orte im Cyberspace werden, wo aktiv über Y2K diskutiert wird. Dorthin scheint sich der harte Kern der Pessimisten hin verzogen zu haben, zusammen mit den Leuten, die ein echtes Interesse haben an den Gefahren unserer hochtechnisierten Welt.

Zu meiner heutigen Frage: Jetzt, wo wir sogar den Schalttag glimpflich hinter uns gebracht haben, ist es jetzt vorbei? Können wir nun das Thema Y2K beruhigt ad acta legen?

Ich würde sagen, ja und nein.

Ja im Sinne einer weltweiten grossen Katastrophe: Wie ich schon vorgestern ausgeführt habe, glaube ich nicht, dass noch irgendein dickes Ende kommt. Potential für Katastrophen gibt es sicher noch genug, das sagt mir schon der tägliche Blick auf das Geschehen an den Börsen, aber Y2K als Auslöser können wir meiner Meinung nach wirklich ad acta legen. Mitbeteiligt irgendwo, vielleicht, Auslöser nein.

Ausschliessen hiervon würde ich lediglich irgendwelche singuläre lokale Katastrophen. Wer weiss, ob es nicht noch irgendwo auf der Welt irgendwann in diesem Jahr ein Chemie-Werk wegen einem "embedded system" mit Y2K-Fehler in die Luft jagt und dieser Unfall Menschenleben fordert.

Nein im Sinne einer völlig überwundenen Gefahr: So, wie erst zwei Monate von zwölf des Jahres durch sind, haben wir noch lange nicht alle möglichen Computer-Probleme durchgestanden. So richtig aufatmen wird man wohl erst im Januar oder im Februar 2001 können, wenn in den meisten Firmen die Jahresverarbeitungen für 2000 durchgelaufen sind und die Gültigkeit aller gesammelten Daten erwiesen ist.

 
Dienstag, 29. Februar 2000 Eine verrückte Welt Vortag

Eine Ehre, fürwahr: Tagebuch zu schreiben für einen Tag, den es nur alle 400 Jahre gibt. Wer weiss, wie die Welt im Jahre 2400 aussieht. Vielleicht ist sie ja bis dahin tatsächlich untergegangen, auch wenn es dieses Jahr noch nicht gereicht hat.

Für diejenigen, die punkto Fehler im Zusammenhang mit dem Schalttag auf dem Laufenden bleiben wollen, kann ich nochmals den Link zu http://www.ciaosystems.com/glitchcentral.htm angeben. Auch http://www.year2000.com/articles/NFarticles.html dürfte in den nächsten Tagen recht ergiebig sein in dieser Hinsicht.

Für den heutigen Feiertag habe ich mir ein paar besonders hübsche Meldungen aufgespart. Wenn ich sie so Revue passieren lasse, muss ich wieder mal bemerken, dass diese Welt schon ein besonders verrückter Platz im Universum ist:

Die durch ihre Panne in der Silvesternacht bekanntgewordene Berliner Feuerwehr (siehe 24. Februar 2000) kommt offenbar noch nicht zur Ruhe: Wie man unter http://www.berlinonline.de/aktuelles/berliner_zeitung/berlin/.html/4artik06.html lesen kann, ist kürzlich der Zentralrechner wieder abgestürzt - bei einem Test des Systems auf Schalttag-Festigkeit!

In den USA ist nächstens eine Volkszählung fällig, und um die Akzeptanz zu erhöhen, wurden kürzlich Briefe mit einer Ankündigung an sämtliche Haushalte in den USA verschickt - insgesamt 120 Millionen Briefe.

Man würde meinen, bevor man 120 Millionen Briefe druckt und verschickt, prüft man und prüft nochmals und prüft ein letztes Mal, ob man auch alles richtig macht, speziell jetzt im Jahr 2000, das möglicherweise trotz allem das Jahr der Computerpannen wird, und speziell, wenn man den Leuten gute Laune machen will für die ungeliebte Volkszählung.

Aber nein, auf allen 120 Millionen Umschlägen wurde ein Fehler bei den Strassennummern gedruckt. Siehe http://ap.tbo.com/ap/breaking/MGIVV0VT45C.html.

Bei Meldungen wie dieser beschleicht mich gelegentlich der Verdacht, die Menschheit habe Y2K nur glimpflich überstanden dank einer riesengrossen Menge Glück...

Wesentlich mehr Schlagzeilen als Y2K machen im Moment die gelegentlichen "Denial of Service"-Attacken gegen bekannte grosse Websites. Und man glaubt es kaum, nicht mal das FBI selbst wird verschont - siehe http://news.cnet.com/news/0-1005-200-1558533.html.

Es gibt allerdings auch recht wilde Spekulationen, es seien Organisationen wie das FBI, die in Wahrheit hinter diesen Attacken stehen, um bei der Regierung jede Menge Geld loszuschlagen für einen grossangelegten Feldzug gegen die bösen, bösen Cyberterroristen (mangels echter Terroristen vielleicht), und da wäre natürlich ein Angriff auf die eigenen Sites so erstaunlich nicht (die liegen so bequem nahe).

 
Montag, 28. Februar 2000 Des Rätsels Lösung?  

Mein Phänomen für heute - sehr unklar, ob Y2K oder nicht - ist die laufende Diskussion um Probleme mit Flugzeugen, die im Moment in comp.software.year-2000 sehr lebhaft geführt wird. Wenn man alle bekanntwerdenden Vorfälle auf einen Haufen legt, wie z.B. im Posting unter http://www.deja.com/getdoc.xp?AN=589586083&fmt=text geschehen, kann man sich schon fragen, ob das noch normal ist. Siehe auch den ganzen Thread unter http://x32.deja.com/viewthread.xp?AN=589586083

Allerdings darf man nie vergessen, dass gesteigerte Aufmerksamkeit ein Bild komplett verfälschen können - vielleicht ist das ja tatsächlich normal, nur hat sich früher nie jemand gross darum gekümmert. Und man muss auch aufpassen, dass man nicht aus jeder zufälligen Häufung gleich ein "Phänomen" macht.

Schade, dass "Y2K und Flugzeuge" ein solches Tabu-Thema darstellt, dass sich da ganz sicher niemand die Finger daran verbrennen wird mit einer offiziellen Untersuchung.

Ich habe am 3. Januar 2000 geschrieben, dass für mich der fast ereignislose Jahreswechsel ein ziemliches Rätsel darstellt und habe ein paar denkbare Lösungen dieses Rätsels aufgeführt. Wie sehe ich die Sache heute?

Nun, es wird Sie wohl kaum überraschen, wenn ich sage, dass ich immer noch nicht ganz verstehe, warum so verblüffend wenig passiert ist, und wie ich mich in der Einschätzung der Situation dermassen täuschen könnte. Aber gewisse Dinge sehe ich - so glaube ich zumindest - mittlerweile klarer.

Unter den aufgeführten möglichen Auflösungen des Rätsels votiere ich für "Mischung": Es gibt nicht den einzelnen Grund, sondern die Sache ist vielschichtig. Nachfolgend einige Gedanken dazu, wie sich die Mischung zusammensetzen könnte:

Betrug: Die Ecke von Y2K, die mir mittlerweile am meisten nach Betrug oder zumindest Irreführung und Panikmache aussieht, ist diejenige mit den "embedded systems". Siehe auch 8. Februar 2000. Darüberhinaus ist für mich aber kein grossflächiger Betrug auszumachen. Man kann sich auch überlegen, dass es jetzt mehr Gerichtsfälle geben müsste, wenn echter Betrug weitverbreitet gewesen wäre.

Erfolg der Reparatur: Ehre, wem Ehre gebührt, möchte ich hierzu sagen. Unzählige Programmiererteams in allen Industrie-Nationen scheinen es tatsächlich geschafft zu haben.

Heisst das jetzt ebenso, dass es eine neue Methode gibt, um grosse Informatik-Projekte termingerecht und erfolgreich zum Abschluss zu bringen? Ich glaube nicht. Aber man sollte vielleicht einmal eine Studie machen, zu wieviel Prozenten mangelnde Motivation und unklare Zielvorstellungen an Verspätungen und Fehlschlägen bei Informatik-Projekten beteiligt sind. Es könnte sein, dass diese Faktoren einen grösseren Einfluss haben als bisher angenommen, und dass darum die drohende Deadline 1.1.2000 und die konkrete Gefahr des Zusammenbruchs der Systeme eine grosse Wirkung entfalten konnten.

In das Kapitel "Erfolg der Reparatur" gehört wohl auch der Verdacht, dass Dritt-Welt-Länder noch weit weniger von Computern abhängig sind, als ich und auch andere Leute angenommen hatten. In der dritten Welt wurde weit weniger repariert als bei uns, aber das war offenbar ok so, weil es viel weniger zu reparieren gab und weil zudem für viele Systeme bei Ausfall relativ einfach zurück auf Handbetrieb geschaltet werden kann.

Vertuschung: Vertuschung? Aber sicher, muss man fast sagen. Bei irgendwelchen Problemen - gleich welcher Ursache - rufen Firmen und Behörden nirgendwo auf der Welt gleich zur Pressekonferenz, um die schlechte Botschaft zu verkünden. Warum sollten sie auch.

Interessant im Zusammenhang mit Y2K scheint mir lediglich die Frage, ob im grossen Stil vertuscht wird. Es ist vielleicht noch etwas früh, um hier zu einem Urteil zu kommen, denn wir sind erst in der 9. Woche des Jahres, und viele Dinge kann man wochenlang vertuschen. Ich vermute aber, dass es keine Vertuschung im grossen Stil gibt, z.B. aus Ueberlegungen, wie ich sie am 14. Februar 2000 ausgeführt habe.

Verfrühter Jubel: Als des Rätsels Lösung taugt der verfrühte Jubel bzw. ein doch noch bevorstehendes "dickes Ende" von Y2K wohl nicht. Zwei Monate sind jetzt vergangen, und es gibt zwar immer wieder Fälle von Jahr-2000-Problemen, aber diese gehen gewissermassen im Grundrauschen aller sonstigen Probleme, an denen ja kein Mangel herrscht, förmlich unter.

Aber wer will schon wissen, wo all die Milliarden, die zur Bewältigung von Y2K ausgegeben wurden, schlussendlich fehlen werden? Sollte es im Laufe des Jahres zu einem Börsen-Crash kommen, ist Y2K wirklich unbeteiligt daran, oder gibt es Spätfolgen der Tatsache, dass während 1999 soviel Arbeitskraft und Aufmerksamkeit gebunden war durch dieses Problem?

Egal. Erstens werden wir das wohl nie wissen, und zweitens würde ein Börsen-Crash so oder so kommen, falls er "in der Luft liegt", selbst wenn Y2K nicht gewesen wäre.

 

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