Das Jahr-2000-Problem: Brunners Tagebuch

Die Megos AG hatte mit dem Jahr 2000 keinerlei Probleme. Trotzdem beschäftigte sich ihr Mitarbeiter R. Brunner privat intensiv damit und berichtete hier zwei Jahre lang täglich über neue und interessante Details rund um das Thema.
[Inhaltsverzeichnis]
[Megos Home Page]  [Mirror]  [Disclaimer]  [A few comments in English]  [mailto:br@megos.ch]
  [Rund um das Tagebuch: letzte Neuerung 5. März]
 
Das Tagebuch ist abgeschlossen. Es steht jedoch bis auf Weiteres als umfangreichste deutschsprachige Informations-Sammlung zum Thema "Jahr-2000-Problem" bzw. "Y2K" in Form eines Online-Archivs oder in Form eines ZIP-Files zum Download zur Verfügung.

Nochmals meinen herzlichen Dank an alle Leser! Es hat Spass gemacht, für ein so interessiertes und aktives Publikum zu schreiben.

Ich bin weiterhin am Thema interessiert und freue mich über jede e-mail mit Fragen oder Informationen über Y2K unter br@megos.ch.
 
Donnerstag, 2. März 2000 Der allerletzte Tag Vortag

Als ich vor etwa 3 Jahren bei mir zu Hause einen Internet-Zugang installierte, dachte ich darüber nach, was ich mit dem einen Megabyte Platz anstelle, welches mir der Provider für eine private Homepage zur Verfügung stellte. Ich fragte mich: "Was habe ich der grossen weiten Welt zu sagen?" Die Antwort damals war, nun ja, eigentlich gar nichts.

Dann kam Y2K.

Ich habe über 2 Jahre lang praktisch jeden Werktag einen Tagebucheintrag geschrieben. Etwa 500 Einträge sind so zusammengekommen, die grösste deutschsprachige Informationssammlung zum Thema Jahr-2000-Problem ist so entstanden. Ich habe es auf 4 Fernsehauftritte, 6 oder 7 Radio-Interviews und etwa 10 Zeitungs-Artikel gebracht. Mehr als 100 Links von verschiedensten Sites her zeigen auf mein Tagebuch.

Ich habe eine treue und aktive Leserschaft, für die zu schreiben mir eine Menge Freude bereitet hat. Viele Leser schauen seit Monaten jeden Tag bei mir herein, manche schon fast so lange, wie das Tagebuch überhaupt existiert.

Und trotzdem habe ich mich dazu entschlossen, heute das Tagebuch zu beenden. Es wird bis auf Weiteres hier und auf dem Mirror als Informations-Archiv weiter zur Verfügung stehen, aber ich werde nichts mehr Neues hinzufügen.

Ich habe gestern argumentiert, dass Y2K noch längst nicht komplett ausgestanden ist. Sie mögen sich darum vielleicht fragen, ob diese Meinung nicht ein gewisser Widerspruch ist zu meinem Entschluss, mit dem Tagebuch aufzuhören.

In gewissem Sinne ja. Es gäbe sicher noch eine Menge zu schreiben über Y2K, wenn auch vielleicht nicht mehr in einem täglichen Rhythmus. Und bei Bedarf könnte man das Tagebuchs recht einfach auf thematisch verwandte Gebiete ausweiten, wie z.B. die momentan aktuellen Attacken auf prominente Websites.

Es fällt mir auf der einen Seite gar nicht leicht, aufzuhören, und ich denke, eine Menge Leser werden es schade finden. Es ist auch eine Menge Aufbauarbeit, die ich damit aufgebe ("Sie wollen eine erfolgreiche Website aufziehen? Nichts einfacher als das: Einfach ein Jahr lang jeden Tag etwas Gescheites schreiben, und voilà!") Aber auf der anderen Seite habe ich für mich entschieden, dass ich die respektable Menge an Freizeit, die ich bisher für das Tagebuch aufgewendet habe, nun anderweitig einsetze.

So, wie ich mich kenne, werde ich allerdings noch das ganze Jahr hindurch das Jahr-2000-Geschehen aufmerksam verfolgen. Wer eine Frage hat zu Y2K oder wen meine Meinung interessiert zu einem bestimmten Einzelthema, kann mir gerne eine e-mail schicken; ich bin da, wie eh und je zu erreichen unter br@megos.ch.

Wenn ich all die vielen Leute namentlich aufzählen müsste, denen ich Dank schulde für zahlreiche interessante e-mails, Faxe und Briefe mit Y2K-Artikeln, Erwähnungen und Links auf mein Tagebuch, Zur-Vefügung-Stellen von Gratis-Webspace, usw., gäbe das eine lange, lange Liste, und ich würde letzten Endes unweigerlich jemanden vergessen.

Deshalb habe ich beschlossen, hier gar niemanden namentlich zu nennen, sondern allen gemeinsam meinen herzlichen Dank auszusprechen: Leute, es hat Spass gemacht mit Euch, es war eine tolle Zeit.

Ich beschliesse das Tagebuch mit einer Aussage von Mike Adams, dem Mann hinter http://www.y2knewswire.com/:

The people never knew the risk they faced.

 
Mittwoch, 1. März 2000 Ist es vorbei? Vortag

Es ist zwar bis jetzt nichts Schlimmes bekanntgeworden an Schalttag-Fehlern, aber ich muss trotzdem wieder mal ernsthaft an meinen Fähigkeiten als Prophet zweifeln: Hätte nie gedacht, dass es mehr Meldungen über Probleme geben würde als unmittelbar nach dem Jahreswechsel. Siehe z.B. http://www.spiegel.de/netzwelt/technologie/0,1518,66901,00.html.

Ganz lustig fand ich einen Poster in comp.software.year-2000, der in etwa witzelte: "Pfft! Pfft! Weg mit dem Staub auf dem Schreibtisch im Jahr-2000-Krisenzentrum! Blick auf den elektronischen Kalender: 60. Januar 19100."

Noch einen Link: Neben der Newsgroup comp.software.year-2000 dürfte das "TimeBomb 2000"-Forum unter http://hv.greenspun.com/bboard/q-and-a.tcl?topic=TimeBomb%202000%20%28Y2000%29 einer der letzten Orte im Cyberspace werden, wo aktiv über Y2K diskutiert wird. Dorthin scheint sich der harte Kern der Pessimisten hin verzogen zu haben, zusammen mit den Leuten, die ein echtes Interesse haben an den Gefahren unserer hochtechnisierten Welt.

Zu meiner heutigen Frage: Jetzt, wo wir sogar den Schalttag glimpflich hinter uns gebracht haben, ist es jetzt vorbei? Können wir nun das Thema Y2K beruhigt ad acta legen?

Ich würde sagen, ja und nein.

Ja im Sinne einer weltweiten grossen Katastrophe: Wie ich schon vorgestern ausgeführt habe, glaube ich nicht, dass noch irgendein dickes Ende kommt. Potential für Katastrophen gibt es sicher noch genug, das sagt mir schon der tägliche Blick auf das Geschehen an den Börsen, aber Y2K als Auslöser können wir meiner Meinung nach wirklich ad acta legen. Mitbeteiligt irgendwo, vielleicht, Auslöser nein.

Ausschliessen hiervon würde ich lediglich irgendwelche singuläre lokale Katastrophen. Wer weiss, ob es nicht noch irgendwo auf der Welt irgendwann in diesem Jahr ein Chemie-Werk wegen einem "embedded system" mit Y2K-Fehler in die Luft jagt und dieser Unfall Menschenleben fordert.

Nein im Sinne einer völlig überwundenen Gefahr: So, wie erst zwei Monate von zwölf des Jahres durch sind, haben wir noch lange nicht alle möglichen Computer-Probleme durchgestanden. So richtig aufatmen wird man wohl erst im Januar oder im Februar 2001 können, wenn in den meisten Firmen die Jahresverarbeitungen für 2000 durchgelaufen sind und die Gültigkeit aller gesammelten Daten erwiesen ist.

 
Dienstag, 29. Februar 2000 Eine verrückte Welt Vortag

Eine Ehre, fürwahr: Tagebuch zu schreiben für einen Tag, den es nur alle 400 Jahre gibt. Wer weiss, wie die Welt im Jahre 2400 aussieht. Vielleicht ist sie ja bis dahin tatsächlich untergegangen, auch wenn es dieses Jahr noch nicht gereicht hat.

Für diejenigen, die punkto Fehler im Zusammenhang mit dem Schalttag auf dem Laufenden bleiben wollen, kann ich nochmals den Link zu http://www.ciaosystems.com/glitchcentral.htm angeben. Auch http://www.year2000.com/articles/NFarticles.html dürfte in den nächsten Tagen recht ergiebig sein in dieser Hinsicht.

Für den heutigen Feiertag habe ich mir ein paar besonders hübsche Meldungen aufgespart. Wenn ich sie so Revue passieren lasse, muss ich wieder mal bemerken, dass diese Welt schon ein besonders verrückter Platz im Universum ist:

Die durch ihre Panne in der Silvesternacht bekanntgewordene Berliner Feuerwehr (siehe 24. Februar 2000) kommt offenbar noch nicht zur Ruhe: Wie man unter http://www.berlinonline.de/aktuelles/berliner_zeitung/berlin/.html/4artik06.html lesen kann, ist kürzlich der Zentralrechner wieder abgestürzt - bei einem Test des Systems auf Schalttag-Festigkeit!

In den USA ist nächstens eine Volkszählung fällig, und um die Akzeptanz zu erhöhen, wurden kürzlich Briefe mit einer Ankündigung an sämtliche Haushalte in den USA verschickt - insgesamt 120 Millionen Briefe.

Man würde meinen, bevor man 120 Millionen Briefe druckt und verschickt, prüft man und prüft nochmals und prüft ein letztes Mal, ob man auch alles richtig macht, speziell jetzt im Jahr 2000, das möglicherweise trotz allem das Jahr der Computerpannen wird, und speziell, wenn man den Leuten gute Laune machen will für die ungeliebte Volkszählung.

Aber nein, auf allen 120 Millionen Umschlägen wurde ein Fehler bei den Strassennummern gedruckt. Siehe http://ap.tbo.com/ap/breaking/MGIVV0VT45C.html.

Bei Meldungen wie dieser beschleicht mich gelegentlich der Verdacht, die Menschheit habe Y2K nur glimpflich überstanden dank einer riesengrossen Menge Glück...

Wesentlich mehr Schlagzeilen als Y2K machen im Moment die gelegentlichen "Denial of Service"-Attacken gegen bekannte grosse Websites. Und man glaubt es kaum, nicht mal das FBI selbst wird verschont - siehe http://news.cnet.com/news/0-1005-200-1558533.html.

Es gibt allerdings auch recht wilde Spekulationen, es seien Organisationen wie das FBI, die in Wahrheit hinter diesen Attacken stehen, um bei der Regierung jede Menge Geld loszuschlagen für einen grossangelegten Feldzug gegen die bösen, bösen Cyberterroristen (mangels echter Terroristen vielleicht), und da wäre natürlich ein Angriff auf die eigenen Sites so erstaunlich nicht (die liegen so bequem nahe).

 
Montag, 28. Februar 2000 Des Rätsels Lösung? Vortag

Mein Phänomen für heute - sehr unklar, ob Y2K oder nicht - ist die laufende Diskussion um Probleme mit Flugzeugen, die im Moment in comp.software.year-2000 sehr lebhaft geführt wird. Wenn man alle bekanntwerdenden Vorfälle auf einen Haufen legt, wie z.B. im Posting unter http://www.deja.com/getdoc.xp?AN=589586083&fmt=text geschehen, kann man sich schon fragen, ob das noch normal ist. Siehe auch den ganzen Thread unter http://x32.deja.com/viewthread.xp?AN=589586083

Allerdings darf man nie vergessen, dass gesteigerte Aufmerksamkeit ein Bild komplett verfälschen können - vielleicht ist das ja tatsächlich normal, nur hat sich früher nie jemand gross darum gekümmert. Und man muss auch aufpassen, dass man nicht aus jeder zufälligen Häufung gleich ein "Phänomen" macht.

Schade, dass "Y2K und Flugzeuge" ein solches Tabu-Thema darstellt, dass sich da ganz sicher niemand die Finger daran verbrennen wird mit einer offiziellen Untersuchung.

Ich habe am 3. Januar 2000 geschrieben, dass für mich der fast ereignislose Jahreswechsel ein ziemliches Rätsel darstellt und habe ein paar denkbare Lösungen dieses Rätsels aufgeführt. Wie sehe ich die Sache heute?

Nun, es wird Sie wohl kaum überraschen, wenn ich sage, dass ich immer noch nicht ganz verstehe, warum so verblüffend wenig passiert ist, und wie ich mich in der Einschätzung der Situation dermassen täuschen könnte. Aber gewisse Dinge sehe ich - so glaube ich zumindest - mittlerweile klarer.

Unter den aufgeführten möglichen Auflösungen des Rätsels votiere ich für "Mischung": Es gibt nicht den einzelnen Grund, sondern die Sache ist vielschichtig. Nachfolgend einige Gedanken dazu, wie sich die Mischung zusammensetzen könnte:

Betrug: Die Ecke von Y2K, die mir mittlerweile am meisten nach Betrug oder zumindest Irreführung und Panikmache aussieht, ist diejenige mit den "embedded systems". Siehe auch 8. Februar 2000. Darüberhinaus ist für mich aber kein grossflächiger Betrug auszumachen. Man kann sich auch überlegen, dass es jetzt mehr Gerichtsfälle geben müsste, wenn echter Betrug weitverbreitet gewesen wäre.

Erfolg der Reparatur: Ehre, wem Ehre gebührt, möchte ich hierzu sagen. Unzählige Programmiererteams in allen Industrie-Nationen scheinen es tatsächlich geschafft zu haben.

Heisst das jetzt ebenso, dass es eine neue Methode gibt, um grosse Informatik-Projekte termingerecht und erfolgreich zum Abschluss zu bringen? Ich glaube nicht. Aber man sollte vielleicht einmal eine Studie machen, zu wieviel Prozenten mangelnde Motivation und unklare Zielvorstellungen an Verspätungen und Fehlschlägen bei Informatik-Projekten beteiligt sind. Es könnte sein, dass diese Faktoren einen grösseren Einfluss haben als bisher angenommen, und dass darum die drohende Deadline 1.1.2000 und die konkrete Gefahr des Zusammenbruchs der Systeme eine grosse Wirkung entfalten konnten.

In das Kapitel "Erfolg der Reparatur" gehört wohl auch der Verdacht, dass Dritt-Welt-Länder noch weit weniger von Computern abhängig sind, als ich und auch andere Leute angenommen hatten. In der dritten Welt wurde weit weniger repariert als bei uns, aber das war offenbar ok so, weil es viel weniger zu reparieren gab und weil zudem für viele Systeme bei Ausfall relativ einfach zurück auf Handbetrieb geschaltet werden kann.

Vertuschung: Vertuschung? Aber sicher, muss man fast sagen. Bei irgendwelchen Problemen - gleich welcher Ursache - rufen Firmen und Behörden nirgendwo auf der Welt gleich zur Pressekonferenz, um die schlechte Botschaft zu verkünden. Warum sollten sie auch.

Interessant im Zusammenhang mit Y2K scheint mir lediglich die Frage, ob im grossen Stil vertuscht wird. Es ist vielleicht noch etwas früh, um hier zu einem Urteil zu kommen, denn wir sind erst in der 9. Woche des Jahres, und viele Dinge kann man wochenlang vertuschen. Ich vermute aber, dass es keine Vertuschung im grossen Stil gibt, z.B. aus Ueberlegungen, wie ich sie am 14. Februar 2000 ausgeführt habe.

Verfrühter Jubel: Als des Rätsels Lösung taugt der verfrühte Jubel bzw. ein doch noch bevorstehendes "dickes Ende" von Y2K wohl nicht. Zwei Monate sind jetzt vergangen, und es gibt zwar immer wieder Fälle von Jahr-2000-Problemen, aber diese gehen gewissermassen im Grundrauschen aller sonstigen Probleme, an denen ja kein Mangel herrscht, förmlich unter.

Aber wer will schon wissen, wo all die Milliarden, die zur Bewältigung von Y2K ausgegeben wurden, schlussendlich fehlen werden? Sollte es im Laufe des Jahres zu einem Börsen-Crash kommen, ist Y2K wirklich unbeteiligt daran, oder gibt es Spätfolgen der Tatsache, dass während 1999 soviel Arbeitskraft und Aufmerksamkeit gebunden war durch dieses Problem?

Egal. Erstens werden wir das wohl nie wissen, und zweitens würde ein Börsen-Crash so oder so kommen, falls er "in der Luft liegt", selbst wenn Y2K nicht gewesen wäre.

 
Freitag, 25. Februar 2000 Wieder Geburtstag! Vortag

Einem Freund hier in Brugg verdanke ich den Hinweis auf einen recht interessanten Artikel rund um das Thema "Schalttag". Ich habe z.B. auch nicht gewusst, dass der Schalttag des Jahres 1996 in einem neuseeländischen Aluminium-Schmelzwerk zu einem Schaden von einer Million Dollar geführt hat, und das nicht etwa am 29. Februar selbst, sondern am 31. Dezember 1996 - die Steuersoftware war nicht darauf gefasst, dass das Jahr 366 Tage hatte und versagte. Siehe http://tages-anzeiger.ch/ta/genArtikel?ArtId=2697.

Aber jetzt zum Thema. Das Tagebuch feiert den 2. Geburtstag.

Ich hätte nie gedacht, dass es diesen erlebt. Früher, als Y2K noch als drohende Gefahr über allem hing, konnte ich mir diverse Szenarien vorstellen, die es mir verunmöglicht hätten, nach dem Neujahr 2000 noch lange weiterzuschreiben: z.B. tatsächlich so grosse Infrastrukturprobleme, dass es nicht mehr geklappt hätte, oder etwa eine so schlechte Stimmung gegen Informatiker, dass ich das Schreiben nicht mehr gewagt hätte.

Dann, nach dem fast ereignislosen Jahreswechsel, war ich praktisch entschlossen aufzuhören, weil ich den Sinn im Weitermachen nicht mehr sah und auch befürchtete, mich lächerlich zu machen oder lächerlich gemacht zu werden, aber ein guter Kollege hat mich dankenswerterweise wieder aufgepäppelt.

Allerdings ist trotzdem bald die Zeit gekommen, das Tagebuch zu beschliessen: Ich werde nächste Woche den letzten Eintrag schreiben. Es ist also kein 3. Geburtstag zu befürchten!

Aber jetzt noch ein kleines Geschichtchen, mit einem Geständnis: Ich habe damals gar nicht am 25. Februar begonnen zu schreiben, sondern am 2. März. Als ich diesen ersten Tagebucheintrag fertig hatte, sah ich mir das Ganze an und sagte mir, was werden wohl die lieben Internet-Surfer denken, wenn sie ein so mickriges Tagebuch antreffen, mit lediglich zwei, drei Einträgen (je nach dem, an welchem Tag sie es erstmals finden).

Damit das Ganze "nach etwas aussieht", habe ich dann die Einträge für den 25./26./27. Februar nach-geschrieben.

Heute kann ich nur noch schmunzeln und staunen über meine Naivität bezüglich Internet damals. Wie war das, baue etwas, und sie werden kommen, oder so ähnlich? Nun ja, fragt sich nur, wann. Es war ein langer und steiniger Weg bis zu Zugriffszahlen, die überhaupt der Rede wert waren.

Trotzdem eine Zeit, die in meine persönliche Lebens-Geschichte eingehen wird.

 
Donnerstag, 24. Februar 2000 Keine Elefanten Vortag

Mein Jahr-2000-Phänomen für heute: Ich habe am 10. Januar 2000 über das Chaos bei der Berliner Feuerwehr in der Silvesternacht berichtet. Die Untersuchungen gehen weiter, und zusätzliche Details werden bekannt. Siehe http://www.berlinonline.de/aktuelles/berliner_zeitung/berlin/.html/3artik09.html und http://www.berlinonline.de/aktuelles/berliner_zeitung/berlin/.html/3artik12.html. Dem zweiten Artikel kann man entnehmen, dass das Chaos wahrscheinlich mitschuldig am Tod eines Patienten ist.

Wenn ich darauf hinweise, dann nicht in der Rolle eines verzweifelten Pessimisten, der Ihnen weismachen will, dass es eben doch schlimm gewesen ist, das Y2K-Ding, sondern als jemand, der auf etwas hinweisen möchte, was über das Jahr 2000 hinaus Gültigkeit haben wird: die Gefahren unserer hochtechnisierten Gesellschaft.

Sie kennen sicher diesen Witz: Da sagt jemand, er habe ein Mittel gefunden, um Elefanten fernzuhalten. Auf die Bemerkung, dass es hier gar keine Elefanten gäbe, erwidert er, das sei doch der beste Beweis dafür, dass sein Mittel funktioniert.

So kommt es mir vor, wenn ich Meinungsäusserungen höre, das meiste Geld, das in Jahr-2000-Projekte geflossen sei, hätte man ebensogut aus dem Fenster werfen können. Programme repariert, fast nichts passiert, und schon kommen gewisse Leute und sagen, wozu habt Ihr denn repariert, es passierte doch nichts, es war sicher harmlos.

Wenn man sich die Sache überlegt, ist es eigentlich ganz logisch, aber mir war das vor der Beschäftigung mit Y2K auch nicht bewusst: Fast jede erfolgreiche Schutzmassnahme verändert eine Situation dahingehend, dass es von weitem gesehen den Anschein hat, die Schutzmassnahme sei für die Katz - denn es passiert ja nix.

Ich glaube, diejenigen, die sich für irgendwelche Schutzmassnahmen starkmachen, sollten viel stärker als bisher auf dieses psychologische Paradox Rücksicht nehmen.

Dies kann gerade jetzt wieder aktuell werden, wenn Sie z.B. ein Projekt starten wollen, um ihre Netze stärker als bisher gegen Angriffe von Hackern zu schützen. Bei einem gutgesicherten Netz sieht es eben auch so aus, als wären all die aufwendigen Sicherheits-Massnahmen völlig vergeblich, denn es passiert ja nie was.

Wie kann man dem Paradox ein Schnippchen schlagen? Eine Idee wäre, ganz bewusst einen Teil des Netzes nicht zu schützen, lautstark darauf aufmerksam zu machen und dann - wenn tatsächlich der ungeschützte Teil getroffen wird, der Rest jedoch nicht - dies wiederum gross zu verkünden. Ein paar Runden in diesem Stil, und Sie haben vielleicht genug Bewusstsein für Sicherheit geschaffen, dass Sie sich für Ihren Erfolg nicht noch rechtfertigen müssen.

 
Mittwoch, 23. Februar 2000 Y2K und HIV Vortag

Mein Jahr-2000-Phänomen für heute ist Manfred Kindler, der nach wie vor im Zehntage-Rhythmus seine Chroniken schreibt und viel Interessantes und Wichtiges zu berichten weiss, weil er Y2K aus dem Blickwinkel von Risiko- und Krisenmanagement betrachtet. Krisen gibt es immer, auch in der Nach-Y2K-Zeit, und seien es nur "lokale" Krisen, die das Ueberleben einer Firma bedrohen. Siehe http://www.manfredkindler.de/aktion2000/chronik1.htm.

Und wenn Sie verstehen wollen, warum man in manchem Spital beim besten Willen kaum mehr um eine Art Dauer-Krise herumkommt, lesen Sie den Abschnitt "Der Notfallmediziner als Autofahrer" in der Chronik "T+30". Ich hatte da ein ziemliches Aha-Erlebnis.

Nach so langer Beschäftigung mit Y2K und dem Versuch, das Phänomen von allen Seiten zu durchleuchten, um Tag für Tag etwas Interessantes darüber schreiben zu können, hätte ich nicht gedacht, jetzt noch über eine interessante Parallele von Y2K zu einem anderen Phänomen zu stossen. Aber doch so geschehen von ein paar Tagen:

Als die Kunde von einem neuen, tödlichen Virus namens HIV auf der Welt die Runde machte, dachte die grosse Mehrheit zuerst an eine Falschmeldung. Kaum jemand konnte sich vorstellen, dass in unserer modernen Zeit eine neue Bedrohung dieses Kalibers auftauchen könnte. Die Parallele zu Y2K ist klar - auch dieses Problem wurde lange nicht ernst genommen.

In ihrem Bemühen, die lethargische Oeffentlichkeit wachzurütteln, griffen die Forscher und Mediziner zu immer drastischeren Warnungen, bis sich die Sache zum "Selbstläufer" entwickelte und völlig übertriebene Spekulationen von AIDS als der neuen Pest die Runde machten, mit Hochrechnungen, dass viele Prozent der Bevölkerung von der Seuche dahingerafft werden würden. Auch bei Y2K gab es vergleichbare Uebertreibungen.

Schliesslich, nachdem man endlich begriffen hatte, dass die Gefahr echt war und die Krankheit tatsächlich viele Opfer forderte, kam es immer noch kaum zu einer vernünftigen Auseinandersetzung mit dem Thema, sondern es mussten Sündenböcke her. Sie wissen schon - die Homosexuellen sind an allem schuld - die Berater wollten bei Y2K nur gross abzocken.

Und heute? Viele Leute lassen mittlerweile "Safer Sex" links liegen, weil man sich schon so an HIV und AIDS "gewöhnt" hat, dass man darin keine Gefahr mehr sehen mag, und die Computerbranche macht auch nach Y2K weiter mit Programmen, die so voller Bugs sind, dass sie oft kaum zu gebrauchen sind.

Man findet den Artikel, aus dem ich diese Parallelen schöpfe, unter http://www.computerweekly.co.uk/cwarchive/news/20000217/cwcontainer.asp?name=E1.html (leider erst nach einer Gratis-Registrierung zugänglich).

Ausser, dass diese Parallelen vielleicht ganz lustig sind: Gibt es dabei etwas zu lernen? Für mich schon. Mir zeigen die nun zwei Beispiele, dass die grosse Masse der Bevölkerung definitiv Mühe hat, auf eine komplexe Gefahr zu reagieren. Dies ist ein beunruhigender Zustand.

 
Dienstag, 22. Februar 2000 Schwachstellenanalyse Vortag

Mein Jahr-2000-Phänomen für heute: Bei mir ist eine e-mail eingetrudelt mit Dank für die vielen interessanten Informationen im Tagebuch und Wunsch für einen geruhsamen Rutsch ins Jahr 2000. Die e-mail wurde am 31. Dezember 1999 abgeschickt...

Wenn wir schon bei Verspätung sind: Die Edelmetall-Firma "Kitco" sollte mal ihre Website etwas überarbeiten. Auf der Seite über die Palladium-Tageskurse unter http://www.kitco.com/charts/livepalladium.html findet sich noch immer der Hinweis, man habe Bücher zusammengestellt zum Thema "Edelmetalle und Y2K" (im Sinne von Risiko-Absicherung).

Trotzdem ganz interessant, was der Kurs für Palladium für Luftsprünge macht im Moment. Y2K hin oder her, die Edelmetalle weigern sich irgendwie hartnäckig, unwichtig zu werden.

Und noch mehr Verspätung, aber diesmal für mich wirklich etwas beunruhigend: 1997 wurde vom deutschen Bundesministeriums des Innern eine Arbeitsgruppe "Kritische Infrastrukturen" (Kritis) eingesetzt.

Sie hat kürzlich erste Resultate ihrer Untersuchungen vorgestellt. Siehe http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/te/5815/1.html.

Ich habe in diesem Artikel zum ersten Mal etwas von "Kritis" gehört und kann die Bedeutung dieser Arbeitsgruppe nicht recht einschätzen. Es kommt mir nur irgendwie typisch vor, dass mit wahrscheinlich ziemlichem Aufwand an Zeit und Arbeit Berichte und Empfehlunge erarbeitet werden, die Sache aber irgendwie nicht auf einen grünen Zweig kommt.

Was wäre gewesen, wenn hierzulande Y2K sich wirklich bis zu einer Bedrohung für das Funktionieren der Infrastruktur ausgewachsen hätte? Artikel wie der zitierte lassen bei mir ein schlechtes Gefühl zurück.

Warum soll das überhaupt eine Rolle spielen? Wir haben doch Y2K glücklich überstanden, auf welche Weise auch immer, oder etwa nicht? Nun, irgendetwas sagt mir, die nächste Krise kommt bestimmt, und viele der Fragen, die bei Y2K wichtig waren, stellen sich erneut.

 
Montag, 21. Februar 2000 Windows 2000 Archiv

Mein Jahr-2000-Phänomen für heute: Clinton verkündigt punkto Y2K "mission accomplished" (in etwa "Auftrag ausgeführt"). Der 29. Februar ist noch nicht durch, es ist noch keine einzige Quartals-Verarbeitung, keine Halbjahres- und keine Jahres-Verarbeitung gelaufen, aber der Auftrag ist schon ausgeführt. Nun ja, Politiker nehmen es eben nicht immer so genau. Siehe http://dailynews.yahoo.com/h/ap/20000218/ts/clinton_y2k_2.html.

Sie kennen sicher die typischen Software-Lizenzverträge, bei denen so praktisch alles ausgeschlossen wird, was man sich denken kann. Wenn ihr Computer wegen der Software unbrauchbar wird, ist das bekanntlich Ihr Pech; der Hersteller hat Sie schliesslich gewarnt, dass er keinerlei Haftung für gar nichts übernimmt. Und dass die Software überhaupt zu etwas gut ist, geschweige denn sogar das tut, was man von ihr erwartet, ist gemäss dieser Verträge auch nicht viel mehr als ein frommer Wunsch.

Für mich ein Fall von ganz normalem Wahnsinn, den man nur deshalb nicht mehr als Wahnsinn erkennt, weil man sich bereits daran gewöhnt hat. Zu Unrecht, wie ich meine.

Ich hatte gehofft, dass das nur knapp abgewendete Jahr-2000-Desaster dazu führen würde, dass man diese Sache wieder mal in der Oeffentlichkeit diskutiert und sich überlegt, ob das tragbar ist: Zwar ist erkanntermassen mittlerweile fast alles von Computern abhängig, aber viele Software sieht aus, als wäre sie von Hobby-Bastlern am Wochenende fabriziert worden, und läuft auch entsprechend - oder eben nicht.

Nicht zuletzt das in diesen Tagen aktuelle Beispiel von Microsoft Windows 2000 zeigt mir, dass wenig Hoffnung besteht. Die Folgen von Y2K waren eben zu gering, als dass die Oeffentlichkeit aufgerüttelt worden wäre und der Software-Branche mal gehörig auf die Finger klopft.

Nicht nur, dass das Betriebssystem Jahre Verspätung hat und mit einem geradezu aberwitzigen Aufwand programmiert wurde (man spricht von 1 Milliarde Dollar Entwicklungskosten und 5000 beteiligten Programmierern). Nein, bereits einige Tage nach der offiziellen Markteinführung gibt es bereits das erste Update. Siehe z.B. http://www.heise.de/newsticker/data/cp-19.02.00-000/.

Microsoft argumentiert, man habe beim Testen grosses Gewicht gelegt auf Business-Software und komme erst jetzt zum Testen von Spielen. Aber was sucht dann Frontpage 98, sicher kein Spiel und dazu noch eine Microsoft-Applikation, in der Liste der Programme, die vom Update profitieren?

Wie gesagt, Microsoft wird damit durchkommen. Y2K hin oder her, weiterwursteln wie bisher, die Kunden würden sich wahrscheinlich ohne die vielen Updates und Service-Packs schon gar nicht mehr wohlfühlen.

Uebrigens: Kennen Sie eine der Stärken, die Windows 2000 gemäss Microsoft besitzt? Windows 2000 ist sehr zuverlässig, denn es wurde gründlich getestet. Siehe http://www.microsoft.com/windows2000/library/howitworks/management/relavail.asp.


Die komplette Liste aller Tagebuch-Einträge finden Sie im Archiv.

 

Home Standardapplikationen Massapplikationen EMBASSY Inhalt Kontakt Suchen